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  • »Ringelroth« ist der Autor dieses Themas

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1

Montag, 23. Mai 2011, 12:28

Das Glück eines Zeitkistenmannes

Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier drin bin.
Mir ist im wahrsten Sinne des Wortes die Zeit abhanden gekommen.
Ha! Ich muss lachen. Hab ich abhanden gesagt? Ha! Das ist gut. Das ist wirklich gut!
Von was redet der bloß, werden Sie berechtigterweise fragen. Na, schön. Ich will’s Ihnen erklären. Sie haben doch ein bisschen Zeit, oder? Prima! Sehr gut! Wenn Sie dann die Güte hätten, das was Sie an Zeit für mich opfern können, hier in meine Hand zu legen. Ja, ich weiß, es tropft wie Honig von meinen Händen. Das ist ja das Problem von dem ich Ihnen erzählen möchte. Meine Zeit läuft, besser gesagt tropft mir davon!

Haben Sie sich schon mal genau angesehen, wo ich hier stehe? Ja, richtig. In einer Timebox - so nennt man das heutzutage. Es ist eine schwarze, viereckige Kiste. Einsfuffzich auf einsfuffzich auf einsfuffzich. Doch, sie ist ziemlich stabil. Ich schätze mal Edelstahl mit Teflon beschichtet. Teflon deshalb, damit bloß nix haften bleibt, könnt ich mir denken. Man könnte ja Spuren hinterlassen. Bei dem Versuch hier rauszuklettern vielleicht. Ja, ich geb's zu, ich hab's auch schon versucht. Natürlich! Verdammt noch mal, ich bin doch auch nur ein Mensch, oder?! Obwohl, manchmal weiß ich das nicht so genau. Ein Mensch. Was ist das? Haben Sie sich das noch nie gefragt: Was ist ein Mensch? Haut, Fleisch und Knochen auf zwei Beinen? Mit Kopf, Hals, Armen, Bauch, Geschlecht? Ja? Ist das ein Mensch? Sie nicken!
Ok, dann bin ich wohl einer. Obwohl ich mir oft vorkomme, wie ein Hamster im Käfig, bloß ohne Rad. Nicht mal ein Rad! Soviel bin ich denen wert. Nicht mal das. Wenn ich nicht so wütend wäre, wäre ich wohl vor Selbstmitleid schon krepiert.
Sie entschuldigen. Ich muss mich setzen. Ich glaube, ich habe mich jetzt etwas aufgeregt. Ja, die haben hier sogar für Komfort gesorgt- ha! ha!- und eine Sitzstange angebracht. Nicht sehr bequem, aber man ist zufrieden. Wenn schon kein Rad, dann wenigstens ne Stange. Nur fünf Minuten, länger kann man hier sowieso nicht sitzen. Sehen Sie, die Stange hat 'nen Durchmesser von höchstens eineinhalb Zentimetern. Aber stabil ist sie. Nur, nach spätestens fünf Minuten schmerzen die Backen. Dann muss ich wieder aufstehn.
Wie das Ding hierher kommt, fragen Sie. Nun, ich war schon immer hier - in dieser Box. Sie! Sie waren es der zuerst nicht da war und dessen Weg dann hier bei mir vorbeiführte. Ja, so war es. Ich kann nichts dafür, dass Sie sich hier mit mir unterhalten. Aber ich bin Ihnen nicht böse, im Gegenteil. Ich bin froh, dass Sie mir mit Ihrer kleinen Zeitspende unter die Arme greifen. Ja, das Leben in der Box ist nicht einfach. Aber man arrangiert sich.
Gut, ja, die Farbe. Schwarz. Nein, ich konnte sie mir nicht aussuchen. Du wirst hier rein gesteckt und musst die Farbe nehmen, wie sie ist. Du musst alles nehmen, wie es ist. Aber ich wollte Ihnen doch von meinem Problem erzählen. Wie bitte? Nein, nein. Sie meinen diese Box, mein ganzes Dasein da drin, wäre schon ein Problem? Nein, nein! Ja, gut, für andere vielleicht. Für die bin ich eventuell das Problem - ha! Ha! Nein, meine Schwierigkeiten hab ich hier in meinen Händen! Sie haben’s eben ja schon bemerkt: Mir läuft die Zeit davon! Sie tropft und tropft! Und ich versuche sie seit Jahren immer wieder aufzuhalten, festzuhalten mit meinen gichtigen Fingern. Dann kratze ich sie vom Boden wieder auf. Dann ist sie schmutzig, zäh, staubig, eklig. Aber was soll ich machen? Ich tue es immer wieder und wieder. Seit ewigen Zeiten – ja seit ewig - so kommt’s mir jedenfalls vor.
Ich hab schon lange aufgehört, die Jahre zu zählen. Ich hab auch schon mal probiert, die Zeit aufzuhalten, indem ich sie abgeleckt und runtergeschluckt habe. Sieht ja aus wie Honig, nicht? So schön goldfarben und voller Licht. War aber ne Scheißidee! Es brennt wie die Hölle. Es zerreist dir den Magen in Millionen Stücke. Ne Hand voll Stecknadeln wird aufs Gleiche rauskommen. Hab’s einmal und nie wieder gemacht. Ja, man kommt schon auf verrückte Ideen, wenn man zusehen muss, wie einem die Zeit durch die Finger rinnt.
Es kommt ja nur selten mal jemand wie Sie vorbei, der von einem alten, senilen Tropf eine Geschichte hören will.
Nein, ich brauche kein Mitleid, das haben Sie ganz richtig erkannt. Ich brauche Zeit! Und so wach ich jeden Morgen auf und warte darauf, dass der Lebensweg eines barmherzigen Mitmenschen hier an meiner Zeitkiste vorbeiführt. Dann bettle ich um eine kleine Spende:
Ein kleines Stück Ihrer kostbaren Zeit, mein Herr, meine Dame.
Seien Sie so nett und spendieren Sie einem alten Trottel ein paar Ihrer wertvollen Minuten.
Danke, danke, vielen herzlichen Dank!
Und passen Sie auf sich auf, damit Sie auf Ihrem Weg nicht auch in so 'ner Kiste landen. Die sind hier überall versteckt und lauern unter Ihren Füßen.
Gehen Sie drum herum!
Das kostet Sie bloß etwas Zeit.
Sonst nichts.

Guten Tag, schönste Frau! Was? Für mich? Oh! Sie sind ein Schatz, Madame! Ich könnte Sie küssen, gnä' Frau!
Ja! Das ist es! Warum bin ich Idiot, nicht schon früher drauf gekommen? Vielen Dank für den Hut, meine Gnädigste. Da geht ne Menge Zeit rein, in so einen herrlichen chapeau claque! Und schauen Sie nur, gnä' Frau, wie gut der zu meinem Outfit passt! Oh, bitte, bitte, tun Sie mir den Gefallen - tanzen Sie mit mir, liebste Freundin. Hören Sie? Die Musik spielt einen Walzer! Nur für Sie und für den alten Knaben, den Sie gerade so glücklich gemacht haben. Kommen Sie zu mir herunter. Oh, bitte kommen Sie, ich helfe Ihnen. Hier! Nehmen Sie meine Hände. Warten Sie, ich klappe die Sitzstange weg, dann haben wir mehr Platz. Sehen Sie, war gar nicht so schwer.
Hm! Madame duften so gut. Sie sind so warm und weich. Und Sie tanzen wie ein Engel! Entschuldigen Sie, wenn meine Hände etwas klebrig sind. Ich pass schon auf, dass Ihrem Kleid nichts passiert - selbstverständlich. Sie machen mich zum glücklichsten Zeitkistenmann den es jemals gab. Glauben Sie mir, Madame.

Ich werde den Zylinder mit Zeit füllen bis zum Rand und werde glücklich sein! Bis in alle Ewigkeit!
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Hans Beislschmidt

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2

Montag, 20. Juni 2011, 12:52

Hey Ringelroth, ich mutmaße, das ist der erste Akt eines eines Einpersonenstücks. Hast du das schon fertig geschrieben? Interessantes Thema! Wie geht's weiter? Gruß vom Hans

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3

Montag, 20. Juni 2011, 16:57

Hallo Hans,
ich hatte das Stück schon vor längerer Zeit für einen Wettbewerb surrealer Geschichten geschrieben. Deine Vermutung, es könne sich um den Beginn eines Einpersonenstücks handeln, überrascht mich. Da erkennt man den Theatermann.
Wenn du der Meinung bist, aus dem Baby könnte was werden, setz ich mich umgehend in meine Timebox und harre auf den Musenkuss.
Gruß
Ringelroth
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Hans Beislschmidt

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4

Montag, 20. Juni 2011, 19:48

hey Ringelroth, ich sehe den Text als Anlage zu einer Abrechnung mit der Zeit - eine Schuldfrage, ähnlich wie bei "geschlossene Gesellschaft" aber als ein Einpersonenstück. Die anderen Protagonisten werden fiktiv angesprochen - ins off ...
Die Schuldfrage zielt auf den falschen Umgang mit der Zeit ab. Wir haben es verlernt Zeit zu ertragen. Éinige Philosophen sprechen von einer dringend notwendigen Entschleunigung.
So sehe ich das Stück .. Gruß vom Hans

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5

Dienstag, 21. Juni 2011, 18:03

Ich kann dazu nur soviel sagen: ich bin ein einfacher Mann, der simple, triviale Texte schreibt – einfach, klar und vordergründig.
Ich bin kein „Intellektueller“, weder von meiner Herkunft, meiner Ausbildung, meiner Tätigkeit, oder meinen Charaktereigenschaften.
Meine Texte entstehen oft ohne Plan und meine Finger tippen, was mein Herz und mein Hirn hergeben.
Der Zeitkistenmann entstand in einer Zeit in der ich mich in einem emotionalen Tief befand, wie bereits tausendmal zuvor und tausendmal danach. Die letzten zehn Jahre waren für mich „stromm“, wie mir Saarlänner saan. Und so haderte ich damals mit meinem Alter und mit meiner Zukunftsangst.
Da das Schreiben für mich auch Therapie ist, gab's am zum Ende der Geschichte noch einen positiven Abschluss.
So, genug Seelenschau für heute.

Lieben Gruß aus Völklingen
Ringelroth
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Hans Beislschmidt

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Dienstag, 21. Juni 2011, 18:58

Zitat

Ich kann dazu nur soviel sagen: ich bin ein einfacher Mann, der simple, triviale Texte schreibt – einfach, klar und vordergründig.

na, jetzt stell dein Licht nicht unter den Scheffel. Wer ist schon in Wahrheit intelektuell? Gruß aus Saarbrücken

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