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Hans Beislschmidt

Administrator

  • »Hans Beislschmidt« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 1 163

Wohnort: Saarbrücken

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1

Montag, 18. April 2011, 13:49

Second Life

Cita blickte am Monitor vorbei, hinunter auf die riesige Trabantenstadt mit ihren gigantischen Betonklötzen, als der Türsummer dreimal kurz hintereinander ertönte.

„Ich bin beschäftigt, hau ab!“ schrie sie in Richtung Tür.
„Controller Kain“ kam die gedämpfte Antwort durch die Tür.

Cita erhob sich ächzend aus ihrem Gamersessel und nahm die Elektroden ab. Vorsichtig schob sie die beiden Riegel zurück und öffnete. Der Controller betrat wortlos die Wohneinheit und stellte die zwei Container Protolac in die Ecke . Mit prüfendem Blick schaute er sich um und zog sein kleines Terminal aus der Tasche.

„Bitte einmal quittieren“, murmelte er mit tonloser Stimme - „und hier habe ich noch ein Schreiben von New Life, wenn sie bitte auch hier den Empfang quittieren würden“.
„Ich unterschreibe nichts, gar nichts! Nie wieder werde ich etwas unterschreiben“, sagte sie und ließ sich in ihren Sessel fallen.

Kains Blick fiel auf die spärliche Einrichtung. Eine Pritsche, eine kleine Toilette mit Waschbecken, zwei Kartons mit Schmutzwäsche, die riesige Spielkonsole mit den drei Monitoren.

„Sie wissen, was passiert, wenn sie nicht unterschreiben“, antwortete er mit gleichgültigem Tonfall. Seine Stimme wurde etwas schärfer „wir mussten ihren Account schon zweimal für eine Woche sperren“.

“Ihr seid doch gnadenlose Schweine, alle miteinander“ sagte Cita voller Abscheu und begann sich wieder die Elektroden anzulegen.

„Machen sie doch keine Schwierigkeiten und geben sie ihren Arm her“ sagte Kain und riss die Folie mit der Kanüle auf. Resigniert hielt Cita ihm den linken Arm hin und prüfte mit der anderen Hand den Sitz ihrer Elektroden am Kopf.

„Dann könnten sie wenigstens die beiden Klemmdioden befestigen. Sie sehen doch, dass ich nur eine Hand frei habe“.

Kain nahm die beiden Klemmen und machte sie an ihren Brustwarzen fest. Dann stach er die Kanüle in ihren Unterarm. Langsam begann das Blut durch den dünnen Schlauch zu wandern und den Plastikbeutel zu füllen.

„Was ist mit den anderen Klemmen?“ flüsterte Cita und begann auf der Tastatur zu klappern. Die drei Monitore wechselten prompt vom Standbild auf Szene. Fasziniert beobachtete Kain die Handlung auf den drei Welten.

„Da siehst du, was ich mit dir machen kann, wenn ich dich mal auf Urgent Island zu fassen kriege“, sagte sie und deutete auf den mittleren Monitor.

„Für die Mitarbeiter ist die Teilnahme an New Life strengstens verboten“ sagte Kain und holte einen zweiten Beutel hervor. „Sind sie immer so streng?“

„Was glaubst du denn? Es hat lange genug gedauert, bis ich auf diesem Level war. Auf Antar World bin ich sogar Oberstaatsanwältin. Was ist nun mit den anderen Klemmen?“

Cita rückte etwas nach vorne auf ihrem Sessel und Kain beugte sich nach unten, um zwei weitere Klemmen anzubringen. Für einen kurzen Moment zuckte Cita zusammen.

„Mich hat schon lange kein Mensch mehr angefasst“ sagte sie, während sie weiter die verschiedenen Personen auf den Monitoren dirigierte.

Kain wechselte geschickt den Blutbeutel und sagte „sie sind sicher eine wichtige Person in New Life. Das nächste Mal brauche ich etwas Rückenmarksflüssigkeit von Ihnen“.

„Was?“ – sagte sie und drehte sich um. „Niemals! - wagt euch“.
„Ist doch für einen guten Zweck. Medizinische Forschung – sie wissen schon. Die brauchen das für die Synapsen Regeneration. Sie haben sicher sehr gute Synapsen“.

„Woher willst du das wissen? Du bist doch nur ein kleiner Controller.“

„Das sehe ich“ sagte Kain und beobachtete, wie die blauen Adern auf ihrem kahl rasierten Schädel pulsierten. Kain versorgte die Einstichwunde und verstaute die beiden Beutel.

„Pfff, gar nichts siehst du“ schnauzte sie.

„Ich muss jetzt los. Vergessen sie nicht etwas zu essen“ sagte Kain mit sanfter Stimme und deutete auf die beiden Plastikcontainer - „und machen sie mehr Pausen. Ihr Timer sagt, dass sie schon 72 Stunden online sind“.

„Hau endlich ab, du Loser“ sagte sie und kicherte leise.

Vorsichtig zog Kain die Tür zu.

Joame Plebis

Fortgeschrittener

Beiträge: 475

Wohnort: Wo man mich duldet

Beruf: Strassensänger, der aus Scham nicht singt

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2

Dienstag, 19. April 2011, 10:04

Schönen Tag, Hans!
Das eigentliche Leben ignoriert, an ihm vorbeigelebt für eine Illusion. Eine trauriges Bild, das Du zeichnest, überzeichnest. Die Gründe und Hintergründe können nur erahnt werden, was der jeweiligen Phantasie überlassen bleibt. Am besten nicht weiter denken oder seinen eigenen Standort genauer betrachten und nicht Fragen nach Sinn des Werdens und Seins aufkommen lassen.
Interessant und aktuell und gut geschrieben.

Freundlichen Gruß!
Joame

reinhard52

unregistriert

3

Dienstag, 19. April 2011, 19:15

Hallo Hans
sehr gut zu lesen. Beim Lesen wird einem tatsächlich die Kälte vermittelt, die wie ich vermute, jemand um sich herum verspürt, der in einer hochtechnisierten Welt in eine Cyber Welt flüchtet. Da ich gerne Scionce Fiction Romane las und hin und wieder lese, kann ich sagen: das ist ein sehr hohes Niveau in diesem Genre
Lieben gruß
reinhard

Hans Beislschmidt

Administrator

  • »Hans Beislschmidt« ist der Autor dieses Themas

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Wohnort: Saarbrücken

Beruf: selbstständig

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4

Mittwoch, 27. April 2011, 10:04

Hey Joame und Reinhard
danke für Euren Kommentar und Gedanken dazu.
In einer technisierten Welt werden die Opfer an den Rand gedrängt. Ein trauriges Bild? Von dieser Art von Kälte sind wir nicht mehr weit entfernt.
Wie stark das Spiel „Second Life“ (mal reinschnuppern? http://secondlife.com) Besitz von jemanden ergreifen kann, habe ich vor kurzem bei einer Bekannten erfahren müssen. Den Zeitfaden noch weiterzuspinnen, ist da nur ein kleiner Schritt.

Gruß vom Hans

Zitat

Eigentlich war es mal eine Idee für eine Romanvorlage:
Die Angst vor der Realität, lässt die Menschen, die in „Real Life“ nicht mehr Schritt halten können, abdriften in ein virtuelles Dasein mit multiplen Persönlichkeiten. Bezahlen können sie schon lange nicht mehr für ihre eigene Versklavung. Alles was sie noch haben, ist ihr Körper, den sie sogar bereitwillig opfern. Das Zahlungsmittel ist zuerst Blutplasma, dann Rückenmarksflüssigkeit und zum Schluss Organe und Gliedmaßen. Wenn alles ausgeschöpft ist, was die gequälte Kreatur zu geben hat, kommt zum Schluss die finale Körperspende durch Suizid. Eine Zukunftsvision? Ich bin sicher, dass uns lediglich die gesetzlichen Vorgaben vor einem solchen Ersatzteillager trennen.

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