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reinhard52

unregistriert

1

Mittwoch, 19. Januar 2011, 16:47

Wakinyan

Reglos saß er oben auf dem Gipfel des höchsten Berges
den großen Schnabel versteckt in seinem Federkleid
Schwerelos trieben weiße Cirrus Wolken an ihm vorüber.
Tagsüber brannte sein Gefieder im heißen Atem der Sonne,
des Nachts peitschte ihn der kalte Wind mit Nadeln aus Eis.

Viele, viele Jahrhunderte hatte er so schlafend verbracht.
Die Welt unter ihm hatte sich immer mehr verändert.
Farb-und illusionslos breitete sie sich unter ihm aus.
Riesige, leblose Vögel aus Stahl, zogen lärmend an ihm vorbei.
Graue Betonlandschaften hatten die grünen Wälder verdrängt.

"Wakinyan! Wakinyan!" so wurde er geweckt.
Langsam, sehr langsam hob er den Kopf
und seine scharfen Augen erfassten das Erdenrund.
Majestätisch richtete er sich zu seiner vollen Größe auf.
Er spannte seine Flügel und sie beschatteten die Welt.

"Wakinyan! Wakinyan!" so wurde er gerufen
Der Fels unter seinen Krallen brach polternd ins dunkle Tal,
als er sich schwer atmend in die kalten Lüfte erhob.
Der Schlag seiner Flügel trieb die Wolken auseinander
und der Donner lief brüllend vor ihm her.
Blitze zischten Schlangen gleich, aus seinen feurigen Augen
und entflammten das Firmament .

"Wakinyan! Wakinyan!"
Von überall her hörte er seinen Namen rufen.
Die Steine riefen ihn, die Gräser, die Blumen,
die Bäume; die Tiere im Wasser, zu Land und in der Luft.
Es waren auch einige Menschen, die sich seiner erinnerten.
Nun wird er für lange Zeit nicht mehr schlafen können.

2008

Aus Wikipedia: Der Donnervogel ist ein Fabelwesen aus den Mythen der Indianer. In der Sprache der Lakota heisst er Wakinyan, was soviel wie "heilige Schwingen" bedeutet. Die Spannweite seiner Flügel soll die doppelte Länge einer Kanus betragen. Mit dem Schlag seiner Flügel löst er Stürme aus und ballt die Wolken zusammen. Der Donner ist das Geräusch seines Flügelschlages und Blitze sind leuchtende Schlangen, die er mit sich trägt

2

Freitag, 21. Januar 2011, 11:31

sehr stimmungsvoll geschrieben, reinhard!


auch, wenn ich es formal nicht in vers-form präsentieren würde, da es für mein gefühl doch prosa ist und den "anschein" von lyrik nicht braucht, um zu wirken, wie es wirkt. das erledigt deine sprache nämlich von ganz allein.

mag sein, es liegt daran, dass deine sprache mir sehr vertraut klingt (nämlich fast, als wär´s meine eigene. siehe zum beispiel "the wasteland warrior") - auf jeden fall fühl ich mich in deinem text sehr "zuhaus" und "vertraut". ein gutes gefühl. sehr gern gelesen!


lieber gruß,

claudia

reinhard52

unregistriert

3

Freitag, 21. Januar 2011, 17:27

Liebe Claudia
hast du einen Link zum Wasteland Warrior?
Hin und wieder schreibe ich Vers libre Gedichte. Mag ich sehr.
Wenn ich den Wakinyan als Prosa eingestellt hätte, wäre es eine zu kurze Geschichte. Die Kunst des Gedichteschreibens ist ja gerade das Verdichten.
Hier habe ich in 5 Strophen alles auf das Wesentliche reduziert.
Wenngleich dies sicherlich eine wunderschöne Prosa Geschichte werden könnte..aber ich bin zu ungeduldig ;(
Dank Dir für deinen schönen Kommentar
Reinhard

4

Freitag, 21. Januar 2011, 17:37

hier der link, reinhard,

(obwohl ich mir jetzt nicht so sicher bin, ob du darin die "ähnlichkeit" lesen wirst können, die ich meine...):
the wasteland warrior

ich würd dein gedicht als kurzprosa einordnen und auch so setzen. einfach, weil deine sprache ohnehin über die "verszeilen" gleitet und diese hier im text "ignoriert" für mein gefühl. aber das ist geschmackssache. auf jeden fall ist es lyrische prosa. das allerdings! eine wundervolle ästhetik der sprache, die ich da fühle und genieße. sehr melodiös und tragend.

lieber gruß,

claudia

kaktusfeige

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5

Samstag, 22. Januar 2011, 09:10

hallo reinhard,

ich schließe mich meiner vorrednerin an: du hast ein überaus stimmungsvolles kurzprosagemälde mit enormer atmosphärischer dichte geschaffen -
den wakinyan spürt man beim lesen fast körperlich. er springt einen mit seiner hohen präsenz regelrecht an, man kann kaum den blick von ihm lassen.

die erklärung unter dem text finde ich gut -auch wenn ich mir beim lesen schon dachte, dass es sich um ein wesen aus der indianischen mythologie handeln muss.

macht lust auf mehr!

lg, die kaktusfeige

reinhard52

unregistriert

6

Samstag, 22. Januar 2011, 10:07

Dank Dir Kaktusfeige! Es gibt zwar keine Fortsetzung, aber ähnliches habe ich noch auf Lager ;)
Lieben Gruß
reinhard