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Hans Beislschmidt

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  • »Hans Beislschmidt« ist der Autor dieses Themas

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1

Dienstag, 21. September 2010, 09:55

Blankgeputzte Flure

Die Lebenssäfte sind bemessen,
zu schnell der Körper ausgelaugt.
Die Jugendsünden fast vergessen,
vom faden Leben leergesaugt.

Was bleibt von all den Heldentaten
der Zeit aus ungestümer Kraft?
Vom sorglos Über-Stränge-Schlagen?
Am End’ amorphe Greisenschaft.

Nur Alterswehmut macht sich heute
auf blankgeputzten Fluren breit.
Erinnerung an „Kraft durch Freude“,
wenn Leben vor dem Tode scheut.

Joame Plebis

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2

Dienstag, 21. September 2010, 22:15

Guten Abend, Hans!

Da zeigst Du als Junger einen Rückblick eines Alten.
Muß ich erwähnen, wie unterschiedlich gelesen, empfunden, interprtiert werden kann? Wohl nicht!
Auch nicht wie verschieden die individuellen Erfahrungen sind und daß Betrachtungen und Gedanken nicht zu allen Zeitpunkten die gleiche Sicht ergeben müssen.

Wir hätten zwar gerne blankgeputze Flure - eine interessante Benennung - aber da regt sich in mir schon meine Vorstellung, der Eigenerfahrung zugrunde liegt, die das zunehmende Chaos kaum noch bewältigen kann. Und dieses Chaos, egal ob ich es Unordnung, Wirrnis, Mist nenne, wird immer dichter, verstrickter, geradezu beklemmender. So betrachtet, käme mir dieser Titel überhaupt nicht gelegen.

Was der Autor mitteilt, das stimmt. Nicht genug kann es erwähnt werden, auch wenn einiges wie eine oft zitierte Lebensweisheit wirkt, wie zum Beispiel von den bemessenen Lebenssäften. Leider ja, nur die davon noch nicht Betroffenen wird es nicht erreichen, sie werden und können auch keine Konsequenzen daraus ziehen. Wie sollten sie das auch.
Fade finde ich das Leben nicht, wenn es auch miserabel ist. Auch in seiner Häßlichkeit und in seinem tiefsten Sud bleibt es hochinteressant.

Zitat

Die Jugendsünden fast vergessen, vom faden Leben leergesaugt.

Das liest sich, als wären die Jugendsünden vom Leben leergesaugt - oder lese ich falsch?
Dann will ich dazu bemerken, wie doch Jugendsünden sich in manchen Fällen immer klarer und deutlicher in den Vordergrund drängen können und dann, obwohl in vielen Jahren vorher fast unscheinbar oder wie vergessen, an Gewicht gewinnen. Zumindest in der Geisteswelt des davon Betroffenen. Kleinigkeiten, die nie keinerlei Aufheben verursachten, Alltäglichkeiten, erhalten mit intensiverem Sinnen einen bitteren Beigeschmack, bis sie sich als 'Sünden' aufspielen. Für mich ein komisches Wort, nebenbei bemerkt, das es wohl ohne eine Religion nicht gäbe. Hier wissen wir, in welchem Sinne das Wort Sünde gebraucht wird; leider helfen dagegen keine Litaneien oder Bußzahlungen.

Eine Menge an Denkanstößen für philosophisch angehauchte Gemüter finde ich in Deinem Werk. Gar nicht möglich, auf alle Themen einzugehen. Zu vieles, ob Heldentaten, ungestümer Kraft oder Alterswehmut verlockten, näher darauf einzugehen.
Unabänderlich, dieses Problem, das mir keinesfalls gefallen kann. Glücklicherweise kann es auch schneller und gedankenlos gelesen werden, ohne in die Tiefen des Elends einzutauchen, die sich im Inhalt verbergen. Du hast es gut umrissen, was bei mir fast den Verdacht auslöst, ein Unbefugter hat in meinem Tagebuch geblättert.

Mit Gruß :(
Joame

Hans Beislschmidt

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3

Mittwoch, 22. September 2010, 09:11

Hey Joame,

Vielleicht hat es damit zu tun, dass der Mensch dazu neigt die Vergangenheit zu glorifizieren? Dann erscheinen die Heldentaten der Kriegsveteranen in einem völlig neuen Licht. Das Erinnerungsvermögen konzentriert sich auf die Zeit, in der man über all seinen Mut und seine Säfte verfügen konnte. Politische Zwänge, Kriegseinsätze, Hungersnot und Ungerechtigkeit werden einfach ausgeblendet.

Für viele war damals das ns - Programm "Kraft durch Freude" die einzige Art "Urlaub" machen zu können, denn diese - heutige Selbstverständlichkeit wr damals völlig unbekannt oder nur dem wohlhabenden Bürgertum vorbehalten.

Wer wie ich, sein Studium als Pfleger im Krankenhaus verdient hat, kann es vielleicht nachvollziehen: - die unzähligen Stunden als Nachtwache, in denen die gebrechlichen Helden von damals noch einmal über IHRE Zeit schwadroniert haben, der gegenüber das eher langweilige Erwerbsleben in der Nachkriegszeit „fade“ erscheinen musste.

Danke für deine Gedanken und deinen Kommentar.

Gruß vom Hans

Joame Plebis

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4

Mittwoch, 22. September 2010, 09:52

Ja, Hans, das Glorifizieren kommt dazu. Viele Details die zur damaligen Gesamtsituation wesentlich beitrugen, werden von uns oft vernachlässigt, scheinen wie vergessen zu sein,. Der Mensch hat nicht viele Möglichkeiten, Situationen, die ihn überfordern, zu überstehen. Wo ihm wirkliche Hilfe versagt ist oder die Gefahr eines Abgleitens in den Abgrund des Irrsinnes droht, bleibt ihm Verdrängen und Verzerren von Tatsachen oft einzige Selbsthilfe-Möglichkeit, zu überstehen.

Freundlichen Gruß!
Joame

5

Mittwoch, 24. November 2010, 17:28

Das Gedicht macht mich betroffen - hat man nur "gelebt", wenn man was Besonderes oder Herausragendes "vorweisen kann? Wenn selbst die Jugendsünden herhalten müssen, um zu beweisen, dass man ein toller Kerl war, ist das ein Armutszeugnis. Aber auch ein Ausdruck dafür, dass ein ganz normaler Mensch als fade in unserer Gesellschaft erscheint. Traurig.
Denn die sind mir drei Mal lieber als die, die sich mit früheren Exzessen brüsten müssen, um vor sich selbst bestehen zu können.
Und was das Schwadronieren über den Krieg betrifft - darüber sollte nur Leute reden, die das selbst miterlebt haben. Ich bin inzwischen sehr sehr vorsichtig geworden, darüber das Gesicht zu verziehen. Heute empfinde ich mehr Mitgefühl als Abneigung gegen die Menschen, die im Krieg waren (oder sind).