Sie sind nicht angemeldet.

Lieber Besucher, herzlich willkommen bei: die Kunstfechter . Falls dies Ihr erster Besuch auf dieser Seite ist, lesen Sie sich bitte die Hilfe durch. Dort wird Ihnen die Bedienung dieser Seite näher erläutert. Darüber hinaus sollten Sie sich registrieren, um alle Funktionen dieser Seite nutzen zu können. Benutzen Sie das Registrierungsformular, um sich zu registrieren oder informieren Sie sich ausführlich über den Registrierungsvorgang. Falls Sie sich bereits zu einem früheren Zeitpunkt registriert haben, können Sie sich hier anmelden.

  • »Rolf Ronck« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 1 037

Wohnort: Völklingen

Beruf: RnTnR + Ringelroth-Double

  • Nachricht senden

1

Sonntag, 2. September 2018, 15:49

Afrika - 2. Teil

Gregor hatte mich mit seiner Afrikabegeisterung zwar angesteckt, aber ich wollte lieber nach Amerika und Cowboy werden.
Hatten wir genug vom Bildergucken, nahmen wir eine von seinen Reiterfiguren, und hockten uns an die Wand neben die Zimmertür. Das war die unheimlichste Wand, die ich je gesehen hatte. In unserer Fantasie verwandelte sie sich in ein gefährliches Abenteuerland.
Und diese Wand sollte eines Tages das Leben von Gregor und mir und unseren Familien auf grausame Weise für immer verändern.

Es war an einem trüben Nachmittag Ende Oktober, in dem Jahr, in dem Gregor und ich zehn Jahre alt wurden. Den ganzen Tag über hatte es geregnet, und nun kam ein lauwarmer Südwestwind auf, sodass Gregors Vater sagte, das wären die besten Voraussetzungen für ein heftiges Gewitter.
„Und ausgerechnet jetzt muss ich in die Stadt“, seufzte er

Wir saßen auf Gregors Bett und blätterten wieder mal in seinem Afrikawälzer. Gertrud, Gregors Schwester, war bei einer Freundin im Nachbarort, und somit waren wir ungestört. Das Licht, das durch das kleine Fenster in die Stube fiel wurde immer spärlicher. Der Wind trieb welke Blätter und kleine Äste über die Straße. Wir konnten die Fotos im Buch kaum noch erkennen, so dunkel war es mittlerweile geworden. Daher beschlossen wir das Licht einzuschalten und nach Afrika zu gehen.
Afrika lag an der Wand zwischen Eingangstür und Zimmerecke.
Die untere Hälfte dieser Wand war mit einer ganz besonderen Tapete verkleidet. Während die anderen drei Wände des Zimmers, wenn ich mich recht erinnere, irgendein langweiliges Blümchenmuster hatten, so hatte diese Tapete ein Muster, das aussah, als zeige es Wege und verschlungene Pfade in einer Urwaldlandschaft. So sah es in Afrika aus. Jedenfalls für uns.

Die Tapete reichte von der Fußleiste genauso hoch, wie wir uns, mit erhobenem Arm und auf Zehenspitzen stehend, strecken konnten. Der Rest der Wand darüber war, aus welchem Grund auch immer, mit weißer Raufaser beklebt.
Die Grundfarbe unserer Abenteuertapete war ein dunkles Grün, das durchzogen war, von sich schlängelnden hellgelben Streifen. Wie eine endlose, ständig die Richtung wechselnde Straße, durchbrach das gelbe Band diese große Grasebene. Die gelbe Linie begann an der rechten Zimmerecke ganz unten oberhalb der Fußleiste und endete links oben neben dem Türrahmen.
In unregelmäßigen Abständen waren überall fast kreisrunde, schwarz grüne Flächen, die uns wie geheimnisvolle dunkle Augen zu beobachten schienen. Darin erkannten wir die dichten, unerforschten Urwälder, die voller Gefahren und Geheimnisse waren.
Dort lebten wilde, menschenfressende Wesen, die nur darauf lauerten, dass ein unvorsichtiger Abenteurer einen unbedachten Schritt in ihr Revier machte. Und sollte der Unglückliche den Reißzähnen der Urwaldbestien entkommen sein, so würde ihn der vergiftete Pfeil eines eingeborenen Kriegers töten.
Das war für Gregor ganz klar, und ich träumte mit, wenn ich auch lieber durch die Prärie geritten wäre. Aber dazu fehlte die passende Tapete.

Wir nahmen also die Pferdefiguren mit den Cowboys und Indianern drauf in die Hand und ritten über diese Wege an der Wand, die uns zu immer neuen Abenteuern führten.
Einer dieser gefährlichen, dunkelgrünen Flecken, er war unmittelbar neben der Tür in Höhe des Schlüssellochs, schien etwas dunkler und größer als alle anderen zu sein. Gregor sah in ihm ein besonders verwunschenes und gefährliches Stück Urwald. Er gab ihm den Namen Kongo. Diesen Namen hatte er im Afrikabuch gelesen und wenn man ihn geheimnisvoll aussprach, klang er gefährlich und Angst einflößend.
Um dieses Kongo machten wir auch immer einen Bogen. Obwohl eine Straße beinahe den gesamten Flecken umschloss, vermieden wir es, diesen Weg zu benutzen.
„Aber wir müssen unbedingt über alle Wege reiten und dürfen keinen auslassen. Wir müssen unten anfangen und dort oben rauskommen“, sagte Gregor und zeigte auf das obere Ende der Tapete.
„Nur dann finden wir am Ende der Straße die goldene Schatztruhe.“
Das war nämlich unser Ziel: die goldene Schatztruhe, die oben neben dem Türrahmen, am Ende der Straße vergraben war.
Wir knieten uns nebeneinander auf den Fußboden, und das Spiel begann.

Inzwischen kam das Gewitter immer näher. Wir erschraken jedes Mal, wenn es so heftig donnerte, dass die Fensterscheiben erzitterten.
Da die Straßen zu schmal waren, um die beiden Reiterfiguren nebeneinander führen zu können, ließ ich Gregor den Vortritt und folgte ihm. Schließlich war er der Ältere und es war ja auch seine Idee, seine Wand und seine Figuren.

Wir ritten hintereinander her und kamen schon bald in die Nähe des ersten Urwaldes. Er lag auf unserer linken Seite und Gregor warnte mich:
„Peter, pass auf die neunköpfige Schlange auf. Sie ist riesig. Sie wird versuchen, dich mit einem ihrer Köpfe vom Pferd zu schubsen und dann zu fressen.“
Er hatte es kaum ausgesprochen, da sahen wir, wie sich das Dickicht des Urwaldes an einer Stelle wie von Geisterhand teilte. Wir waren bereits auf gleicher Höhe und konnten in die gelb leuchtenden Augen der Bestie blicken. Zu unserem Schutz hielten wir uns am rechten Rand des Pfades und gaben unseren Pferden die Sporen.

„Du darfst ihr nicht in die Augen schauen!“, rief ich, und wir rasten mit klopfendem Herzen weiter, bis links und rechts vom Weg nur noch offenes Gelände war.
„Das ging noch mal gut“, stellte Gregor erleichtert fest und stoppte sein Pferd.
„Ja“, antwortete ich und blieb ebenfalls stehen. „Das wird spannend. In jedem Urwald hausen Ungeheuer, die uns an den Kragen wollen.“
„Wir müssen immer ganz außen auf der anderen Straßenseite reiten und ganz schnell, dann kriegen sie uns nicht“, wusste Gregor.

Mit vorgeschobenem Kinn und zusammengekniffenen Augen gab er seinem Gaul die Sporen. Der gelbe Pfad durchschnitt zuerst nahezu schnurgerade die flache Landschaft. Aber dann kam eine Biegung, und schon sahen wir den zweiten Urwald. Diesmal auf der rechten Seite.

Und wieder durchzuckte das helle Licht eines Blitzes das kleine Zimmer.
Zwei Sekunden später folgte krachend der zornige Donner.
Und wieder vibrierten leise die Fensterscheiben.

Unsere Fantasie ließ uns zwischen Neugier und Angst hin und her pendeln. Schwarz grün stand der Wald, und tausend glühende Augen nahmen uns ins Visier. Wir gaben den Pferden die Sporen, doch es schien als nähme der Wald kein Ende, als bewege er sich mit uns mit.

„Ich kann sie hören!“, schrie Gregor. „Sie schreien und zischen.“
„Ja!“, schrie ich zurück. „Das sind die riesigen Saurierlöwen. Wir dürfen nicht hinsehen. Sie könnten uns hypnotisieren!“

Es war ein ausgesprochen kribbliges Gefühl, das wir verspürten. Eine Mischung aus Spaß am Erfinden von neuen Monstern, und der Angst, die wir uns damit selbst einflößten. Es war wie das Anschauen eines Horrorfilmes – man weiß vorher schon, dass man Ängste ausstehen wird und sich erschrickt, aber es ist die Freude am Nervenkitzel, die uns zuschauen lässt.

Das Gewitter war nun genau über unserem Dorf angekommen. Der Regen klatschte gegen die Scheiben und der Wind war so stark, dass er durch die Ritzen des Fensters hindurch die Vorhänge schaukeln ließ.
Wir hatten ungefähr die Hälfte unseres Weges geschafft, als der dunkelste und unheimlichste Urwald auf der linken Seite vor uns auftauchte.
Gregor hielt an und ich ebenfalls. Mein rechter Arm tat mir weh, deshalb wechselte ich bei dieser Gelegenheit mein Pferd in die linke Hand.
„Wir müssen uns überlegen“, begann Gregor, „wie wir an am Besten an diesem super gefährlichen Monsterwald vorbei kommen.“
Ich nickte und dachte nach.
„Dort gibt’s nicht nur Saurierlöwen und mehrköpfige Todesschlangen. Da sind riesengroße Giftspinnen, die ihr Gift bis auf die Straße spritzen können und Mammutelefanten die dich tottrampeln und Echsen, die so lange klebrige Zungen haben, dass sie uns damit vom Pferd reißen können.“
Gregor hatte mir bei diesen Worten seine freie Hand auf die Schulter gelegt und mich mit seinen großen, dunklen Augen ernst und eindringlich angeschaut. Dabei war mir vollkommen klar, dass wir vor der riskantesten Aufgabe standen, die wir jemals zu bewältigen hatten.

„Aber welche Möglichkeiten haben wir denn, außer rasend schnell vorbeizureiten?“, fragte ich besorgt.
Jetzt dachte Gregor angestrengt nach.

Unser Schweigen wurde jäh unterbrochen von drei unmittelbar hintereinander aufzuckenden Blitzen, gefolgt von drei ineinanderlaufenden ohrenbetäubenden Donnerschlägen.
Wir blickten erschrocken zum Fenster. Der Himmel war schwarz, und der Wind peitschte den Regen gegen die Scheiben, als wolle er diese mit aller Gewalt zerbrechen.
http://www.lulu.com/spotlight/tetracolor
Ich bin ein Ver-Rückter. Aber ich mag mich. 8)

Ähnliche Themen