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Hans Beislschmidt

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  • »Hans Beislschmidt« ist der Autor dieses Themas

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1

Sonntag, 28. März 2010, 14:17

Nachtzug

Umarm dich noch ein allerletztes Mal,
küss dich noch, bevor du gehst,
spür noch lange deine kalte Hand.
Ich weiß, dass du verstehst.

Tropfen an der blassen Scheibe,
Regen spiegelt dein Gesicht.
Ein leichter Hauch von Traurigkeit,
Abschied im Reklamelicht.

Der Nachtzug bringt dich fort von mir,
ein letzter Blick auf dein Foto,
zu kurz war diese Zeit mit dir.
Ruf dir leise hinterher - du fehlst mir so.

Chavali

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2

Sonntag, 28. März 2010, 19:42

Hallo Hans Beisl,

mit Freude habe ich dein Gedicht gelesen, das ganz auf meiner Geschmackslinie liegt.
Darf ich meine Gedanken dazu einbringen?

Zitat


Umarm dich noch ein allerletztes Mal,
küss dich noch, bevor du gehst,
spür noch lange deine kalte Hand.
Ich weiß, dass du verstehst.
unterschiedliche Zeilenlängen und Auftakte lassen den Text holpern

Tropfen an der blassen Scheibe,
Regen spiegelt dein Gesicht.
Ein leichter Hauch von Traurigkeit,
Abschied im Reklamelicht.
XxXxXxXx
XxXxXxX
xXxXxXxX
XxXxXxX
hier stimmen die Silben (übrigens die schönste Strophe finde ich) - aber du hast einen jambischen Auftakt in Zeile3,
der mich aus dem Takt bringt


Der Nachtzug bringt dich fort von mir,
ein letzter Blick auf dein Foto,
zu kurz war diese Zeit mit dir.
Ruf dir leise hinterher - du fehlst mir so.

die schwächste Strophe, besonders Zeilen 2+4. billiger Reim: dir/mir.
die Stelle mit dem Foto geht gar nicht (betonungsmäßig)

besser:
Der Nachtzug bringt dich fort von mir,
ein letzter Blick fällt auf dein Bild.
Zu kurz war diese Zeit mit dir.
Die Sehnsucht bleibt nun ungestillt..


ist jetzt zwar ein wenig anders, vielleicht kannst du was mit anfangen.


Liebe Grüße,
Chavali :)
Nicht was wir erleben, sondern wie wir es empfinden, macht unser Schicksal aus.
(Marie von Ebner-Eschenbach)

Hans Beislschmidt

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3

Sonntag, 28. März 2010, 20:35

Hey Chavali,

Ursprünglich war es eine Kurzgeschichte, eine lyrische Fassung zu erarbeiten trifft oft nicht mehr die Aussage. Danke für deine Mühe, die letzte Strophe übernehme ich gerne.

Lieben Gruß vom Hans

Hans

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4

Dienstag, 30. März 2010, 15:27

Schönen Tag, Hans Beislschmidt!

Auch nach der kleinen Veränderung will sich keine Zufriedenheit einstellen, zumindest bei mir nicht.
Nicht alleine, weil das Subjekt zu Beginn fehlt, das man als ungeschrieben im Prädikat, im 'Umarm' als 'Ich umarm' sehen kann, sogar muß, weil es sonst fehlte. Bei der letzten Zeile genau so, bei 'Ruf'. Es ist das Zusammenwirken mehrerer Kleinigkeiten, die das Gesamtbild ergeben, so diese manchen vielleicht nicht auffallenden Verstümmelungen (umarm statt umarme, spür und küss).
Ein leichter Hauch von Traurigkeit kommt mir etwas zu leicht vor. Wenn es schon keine tiefe Traurigkeit ist, so zumindest eine Traurigkeit, die verharmlost wird durch das Hinzufügen von 'leicht'. Das wäre schon fast keine Traurigkeit mehr, somit auch der Grund des Erwähnens dieses Abschiedes nicht nötig, denn ohne mittlerer oder größerer Traurigkeit ist er halb so tragisch.
Chavali hat recht, was die Stelle 'Blick auf dein Foto' anbelangt, auch bei dem Reim mir-dir. - Soeben weggefahren, schon ist ein Blick auf das Foto notwendig? Das kommt meistens erst später, vielleicht beim Alleinsein zu Hause, er sah sie doch eben erst wegfahren.
Das Reklamelicht ist typisch und gut beobachtet, die sind doch überall und nicht mehr auszurotten.

Selbst wenn der Trennungsschmerz wahrscheinlich ist, ich glaube ihn auch, so wirkt das Gedicht, nach den Worten zu beurteilen, nicht glaubwürdig. Selbstverständlich gibt es Menschen, die sich kaum ausdrücken können, die sogar bei einer Trauerfeier ihr Leid nicht ausdrücken können, dann oft mit Worten etwas unglücklich formulieren, was fast schon erheiternd wirkt.
Das ist für dieses Gedicht nicht ganz passend und etwas weit hergeholt. Jetzt weiß ich aber Du/der Schreiber beherrscht die Sprache gut, der Trennungsschmerz ist auch da, der ausgedrückt werden soll. Dennoch gelingt es nicht ganz. Oft liegt es am Gefühl, an der Spontanität, die beflügeln, eine passende stimmungsvolle Beschreibung zu verfassen. Kann ich mit der Verdächtigung recht haben, es wurde versucht, nachzuempfinden? Es ist gut, wenn ein Schmerz, der seinerzeit bewegte, nicht exakt und tief genug gefühlt werden kann, so bleibt erspart, die Situtation nochmals zu durchleben. Dem Dichter bleibt es oft nicht erspart, er vergegenwärtigt sich die kleinsten Regungen und Gefühle, bis eine Hand an sein Herz greift, wie damals - bis ihm die Tränen in die Augen schießen, genau wie damals. Er erlebt das Leid nochmals. Das soll zwar erspart bleiben, aber ist die Veranlassung, seine Gefühle niederzuschreiben, damit sie der Leser förmlich übertragen bekommt und sogar mit ihm mitempfinden kann.
So komme ich nach langem Palaver zum Schluß, wo ich dem Schreiber Unrecht zufüge, indem ich fast behaupte, er hat nicht tief genug empfunden, sonst hätte er auch die geeigneten Worte in geeigneter Form gefunden. Dieser Worte ist er aber mächtig, er beherrscht sie, dessen bin ich mir sicher.

Freundlichen Gruß :)
hans

Hans Beislschmidt

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5

Freitag, 2. April 2010, 23:17

hey Hans,

danke für die Mühe, die du dir mit der wirklich aufmerksamen Interpretation gemacht hast. Ich kann dir nur beipflichten, was Ausführung und Handwerk anbelangt ... manchmal geht's halt nicht so, wie man es erdacht - erfühlt hat. Ich sehe es als einen unvollendeten Gedankengang und freue mich aber um so mehr, dass hier kritische Geister zugange sind, die sehr gut differenzieren können. Umschreiben mag ich es nicht mehr und es bleibt die Hoffnung, dass es um seiner Unbeholfenheit willen trotzdem von dem Menschen, dem ich es gewidmet habe geschätzt wird.

Gruß vom Hans