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Montag, 13. Juni 2016, 12:31

Antoine de Rivarol – oder: Was ein Dandy des 18. Jahrhunderts und noch heute sagen kann

Antoine de Rivarol ist für mich ein Oscar Wilde des 18. Jahrhunderts. Er liebte die Konversation und sein Geist war rege und regte, durch boshafte Einfälle, seine Mitmenschen auf.

Geboren wurde Rivarol 1753 im südfranzösischen Bagnols, in der Region Languedoc, und starb 1801 in Berlin. Rivarol war aber nicht bloß ein Mensch auf der Kippe des 18. und 19. Jahrhunderts, er war auch Zeuge des französischen Absolutismus, wie ihn die Bourbonische Königsfamilie vorgelebt hatte, und ihres gewaltsamen Sturzes durch die Jakobiner, vor denen er floh.

In mancher Hinsicht gleichen sich Rivarol und Wilde (1854 bis 1900). Beide haben ihre Zeitgenossen verspottet, jedoch auf bezaubernde Art und Weise. Es waren liebliche Scheusale, die noch heute für Interesse sorgen. Zumindest bei Wilde, bei Rivarol muss dieser Beweis noch erbracht werden, wobei meine Überlegungen hilfreich sein können.

In der französischen Literaturgeschichte wird Rivarol zu den „Moralisten“ gerechnet. Diese Autoren hatten ein Auge für die Menschen und Zustände ihrer Zeit. Anders als in Deutschland, wo man unter Moral „Tugend“ versteht, wussten die Franzosen, dass Moral vom Lateinischen „mores“ kommt und die Sitten einer Gesellschaft meint. Moralisten, im Sinne der Franzosen, waren Gesellschaftsanatome und Psychologen. Sie wollten erklären und nicht belehren. Darum brachten sie geistreiche Autoren, die gleichzeitig Denker waren, hervor. Einer von ihnen, Michel de Montagne (1533 bis 1592), gilt als Begründer der Essayistik. Auch in dieser Kunst brillierte Rivarol, als er 1784 den 1. Preis der Berliner Akademie gewann. Titel: Rede über die Universalität der französischen Sprache. Ob sich Rivarol über diesen Preis amüsiert hat, ist nicht bekannt. Es waren aber Zustände dieser Art, dass ein Franzose in Deutschland einen Preis gewinnt, indem er die französische Sprache preist, die ihn zynisch werden ließen. Von Oscar Wilde stammt der Satz, dass ein Zyniker von allem den Preis, aber von nichts den Wert kennt. Das mag zutreffen, andererseits: Eine Zeit, in der man eher die Preisschilder erkennt, als den Wert einer Sache, kann nicht sehr tiefgründig sein. Mir will scheinen, dass unser 21. Jahrhundert auch nicht besser ist. Wir leben in einer globalisierten Welt, in der Menschen wenig, aber Gewinne alles zählen. Bei uns zählt die Verpackung mehr als der Inhalt. Was hätte Rivarol dazu gesagt?

Rivarol sah überall nur Oberflächlichkeit. Dazu eine Anekdote: Madame de Stael (1766 bis 1817), die ein Buch über Deutschland geschrieben hatte, und darum als tiefgründig gelten wollte, fragte Rivarol, was er über ihr Buch denke. Rivarol überlegte nicht lange und sagte: „Ich mache es wie Sie Madame, ich denke nicht.“ In der Tat ist Rivarol auch nicht als Philosoph bekannt geworden. Er galt als witzig und konnte anregend plaudern. Er besaß also exakt jene Eigenschaften, die man braucht, wenn man in einem Salon für Aufsehen erregen will. Wie bei Wilde, brauchte Rivarol Anlässe, damit sein Geist ein Feuerwerk an Pointen zünden konnte. Liest man Rivarols Sprüche, können die locker mit Wildes mithalten. Beide pflegten das, was man ein "bon mots" nennt, also ein: "gutes Wort". Damit ist eine treffende Anmerkung oder Beobachtung gemeint und weniger eine tiefgründige Bemerkung, wie sie ein Friedrich Nietzsche (1844 bis 1900) leisten konnte, etwa in seinem „Übermenschen“. Wenn es für Rivarol etwas nicht gab, dann waren das Übermenschen oder angehende Übermenschen. Rivarol ist nicht fortschrittsgläubig gewesen, er misstraute den Jakobinern und all ihren Versprechungen einer gerechten Gesellschaft. Leider ist er aber in den Fehler verfallen, die alten Zustände zu verteidigen.

Die alten Zustände verteidigt hat Oscar Wilde zwar nicht, aber auch er hatte, wie Rivarol, keinen Blick dafür, auf was er sich einließ, als er seinen Beleidigungsprozess gegen den Marquess of Queensberry (1844 bis 1900) anstrengte und dieser Prozess in finanziellem Ruin, gesellschaftlicher Ächtung und im Gefängnis enden würde. Rivarol war sicher klüger, als er 1792 Frankreich den Rücken kehrte. Ihm war klar, dass die Jakobiner ihm die Gefängnisstrafe ersparen würden. Und dafür den Kopf hingeben? Für ihn war das Fallbeil keine Alternative zur Gefängnisstrafe. Als Strafe empfand er seine Flucht aber schon. Wie alle Zyniker hatte Rivarol ein gutes Auge für die Fehler seiner Zeitgenossen, aber er sah nicht vorher, wo das enden musste und welche Folgen sich daraus ergaben. Rivarol, wie auch Wilde reagierten lieber als zu agieren. Es waren Leute, die in Salons hockten, aus dem Fenster sahen, und dabei vergnügliche Kommentare abgaben. Nie war ihnen in den Sinn gekommen, aufzustehen und selbst hinaus zu gehen. Das Fenster war ihnen eine Bühne, die ihnen die Welt bedeutete. Darüber kann man lächeln, aber wenn einer nicht mehr will, als zu spotten, reicht ihm ein Fensterplatz aus.

Es schmerzte Rivarol, als er seinen geliebten Salons den Rücken kehren musste. Plötzlich gehörte er nicht mehr zur Gesellschaft dazu. Wenn man will, kann man darin eine „höhere Gerechtigkeit“ sehen, denn Wilde und Rivarol hatten nie jemandem etwas getan und wurde wie Verbrecher behandelt. Die Gesellschaft sah nicht ihren Wert, nur das Preisschild. Und der Preis schien ihr unangebracht. Beide wurden Opfer jenes Zynismus, den sie selbst gehuldigt hatten. Im Gegensatz zu Wilde, geriet Rivarol aber in Vergessenheit. Ein Grund mag seine Kritik an der französischen Revolution sein. Heute wird die französische Revolution als notwendiger Fortschritt gesehen. Wer da das Christentum und auch die Monarchie verteidigt, begibt sich auf die geschichtlich falsche Seite. In dieser Hinsicht kann man das Beispiel von Karl Kraus (1874 bis 1936) heranziehen. Anfang der 1930er Jahre bekannte er sich zu dem Faschisten Engelbert Dollfuß (1892 bis 1934) als "kleinerem Übel". Kraus glaubte, Dollfuß, der gegen die Nationalsozialisten war, könne Hitler (1889 bis 1945), als Bundeskanzler, die Stirn bieten. Im Juliputsch des Jahres 1934 wurde Dollfuß aber von den Nazis ermordet. Kraus, der in den Jahren zuvor, heftig gegen die Nazis und Hitler ausgeteilt hatte, wird deshalb, auch noch heute gelesen, trotz seines Bekenntnisses zu Dollfuß. So unberechenbar verteilt die Nachwelt ihre Gunst! Und Rivarol?

Ich selbst behaupte, dass die Opfer der Revolution, gegen die Revolution sprechen. Rivarol hatte den klaren Blick für ihre Schwächen. Er misstraute den Jakobinern und er behielt Recht. Sie kündigten viel an und hielten nichts davon ein. Statt einer Gesellschaft, die frei war und gerecht und für jeden offen, schlugen sie ihren Gegnern die Köpfe ab, vertrieben Kritiker und metzelten eigene Anhänger nieder. So wie Rivarol das Opfer seines Zynismus` wurde, fielen die Köpfe der Revolution unter dem Fallbeil ihres eigenen Terrors. Ob Wilde die Revolution begrüßt hätte? Sicher, aber Wilde war Anarchist, der im Staat ein Übel erblickte, weil er den Menschen an seiner individuellen Entfaltung hindere. Er hätte vielleicht in den Anfangstagen der Revolution gejubelt, doch wäre ihm das Lachen vergangen. In dem Essay "Die Seele des Menschen unter dem Sozialismus" legte Wilde seine Ideen zum Sozialismus dar. Im Grunde redete Wilde aber nicht über Sozialismus, sondern, was er darunter verstand. Wollte man seine Anschauung durch ein Bild ausdrücken, könnte man sagen, Wilde forderte einen Sozialismus im Maßanzug und einer Blume im Knopfloch, der obendrein intelligent zu plaudern verstehen sollte. An wen speziell erinnert das? Man sieht, auch Wilde war kein großer Denker. Was wünschte er nun? Im Grunde wollten, Rivarol und Wilde, eine Gesellschaft, in der echtes Gefühl mehr galt, als Fassade. Aus der Überlegung heraus versteht man auch ihren Zynismus. Die heile Welt, die sie wünschten, war von Schein und Falschheit missbraucht. Wer Gutes will und daran gehindert wird, gerät in die Rolle eines Zynikers. An dieser Stelle passt das Bonmot von Ambrose Bierce (1842 bis 1914), der sagte: „Zyniker sehen Dinge, wie sie sind, nicht so, wie sie sein sollten.“

Obgleich Rivarol zu den französischen Moralisten gezählt wird, sehe ich ihn eher als Einzelfall an. Er war boshaft und skeptisch und beurteilte die Welt nach ästhetischen Maßstäben, statt nach sozialen. Das macht aus ihm einen Dandy, einen Oscar Wilde des 18. Jahrhunderts. Rivarol und Wilde haben andere Menschen nicht wirklich geliebt. Sie interessierten sich für sie in dem Maße, wie sie ihnen als Stichwortgeber dienten, als Feuer, die die Lunte ihres Verstandes brauchte, damit er funkeln konnte.

Rivarol war kritisch, gewiss, zum Verhängnis wurde ihm aber seine Lockerheit und Oberflächlichkeit. Er war nicht so tiefgründig wie etwa La Rochefoucauld (1613 bis 1680) oder Vauvenaurques (1715 bis 1747), die ernsthafter nachdachten. Zudem hatte er die Monarchie und das Christentum verteidigt. Also genau die Feinde der französischen Revolution, die noch heute geächtet werden.

Warum nur soll man Rivarol lesen? Er hat keine schlechteren Sprüche geklopft, als die, die man heute kennt, etwa von dem Monarchisten Lec (1909 bis 1966) oder dem Dandy Oscar Wilde. Rivarol sollte lesen, wer einen andren Blick auf die französische Revolution bekommen will – und dabei auf witzige Unterhaltung steht. Rivarol ist Zeuge, wie blutig die französische Revolution war, und das hilft gegen einen verklärenden Blick auf diese Zeit, die in ihr nur sozialen Fortschritt sehen will. Das wiederum ist ein Gegengift für Sozialromantiker, wie sie auch heute noch auf den Plan treten und von Revolution schwärmen.

Letztlich sind Wilde und Rivarol Zeugen der moralischen Verkommenheit ihrer Zeit. Unsere Zeit ist heute, durch Globalisierung und Ausbeutung, nicht minder verdorben. Doch Wilde ist bekannter.

Lest Rivarol!

https://de.wikipedia.org/wiki/Antoine_de_Rivarol

Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Wolfgang« (14. Juni 2016, 14:39)