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Donnerstag, 10. Dezember 2015, 14:15

Dichter sind Propagandisten im Reich der Kunst

Dichter sind Propagandisten im Reich der Kunst



Geschichten werden erzählt durch Worte. Aber können Worte selbst auch Geschichten erzählen? Ja, das können sie! Ermöglicht wird das, indem man sich die unterschiedlichen Bedeutungen zunutze macht, die ein einzelnes Wort haben kann. Wir reden hier also von Wortspielen, von Clownerie, von einem lustigen Zeitvertreib. Doch Vorsicht, auch im Spiel steckt Ernst! Durch Wortspiele ergeben sich auch hochmoralische Aussagen. Alles, was wir dazu benötigen, sind geeignete Wörter. Welche Arten von Wörtern eignen sich dazu? Im Grunde fast alle, besser sind aber Worte, die aus zwei oder mehreren Wörtern zusammengesetzt sind. Erst zeige ich Euch, wie sich aus einem Wort ein Gedicht basteln lässt und dann, wie man einen Roman mit nur einem Wort erzählt! Ich soll schwindeln? Ihr glaubt, ich schwindle? Ich? Dann wartet, bis ganz zum Schluss!

Eine Besonderheit der deutschen Sprache besteht darin, dass man fast beliebig Wort an Wort an Wort reihen kann, ohne die Sprache zu entstellen. Man denke an Wortmonster wie etwa:

Propagandaministeriumsgebietsleiter.

Sind wir, als Dichter, nicht alle Propagandisten im Reich der Kunst? Ich glaube schon.

Lasst uns aber zuerst mit einem unverfänglichen Beispiel beginnen, einem, das an Musik und Tanz denken lässt. Wart Ihr schon einmal in einer Tanzbar? Ja? Dann wisst Ihr, wovon ich spreche. Hier also das erste Beispiel:

tanzbar

tanz.bar
tanz!bar
tanz!br!

Wie Ihr seht, habe ich das Wort erst durch einen Punkt geteilt, wodurch zwei Bedeutungen dieses einen Wortes entstanden. Dann habe ich, statt eines Punkts, ein Ausrufezeichen verwendet, es hätte auch ein Fragezeichen sein können – probiert es bitte selbst aus! Was lehrt uns dieses Beispiel? Es lehrt uns, dass aus einem Wort, mithilfe von Satzzeichen, wie Punkt und Ausrufezeichen, Gedichte entstehen.

Ihr wendet ein, dass Gedichte, normalerweise, Reime haben? Ja, das stimmt. Vereinfacht gesagt ist ein Gedicht aber ein Text, der bildhaft ist. Schreibt ein Gedicht aus Reimen, ohne Bilder, und Ihr werdet es schwerlich als Gedicht verstehen können. Bilder sind bildhafte Worte oder Vergleiche, Metaphern, Gleichnisse, Parabeln, Personifikationen und Allegorien. Ich habe nie behauptet, es sei leicht, ein Gedicht zu schreiben! Aber fandet Ihr das obige Beispiel schwer? Na seht Ihr - dann auf zum nächsten Gedicht.


gesellschaft

gesell.schaft

e sell schaft
esel schaft
ese schaft
es schaft
s schaft
schaft
chaft
haft
haf
ha!

Dieses Beispiel lehrt uns, dass man auch durch Lücken in einem Wort ein Gedicht erzählen kann. Ihr erinnert Euch bestimmt an Euren Deutschlehrer in der Schule? Was hat der immer gefragt? Genau! „Und was wollte uns der Dichter mit diesem Gedicht sagen?“ Da ich selbst der Dichter bin, weiß ich natürlich, was ich sagen wollte. Leute, die arbeiten, sind in unserer Gesellschaft Esel und sie haften am Ende für alles. Ist das nett? Nein, aber wahr!

Jetzt haben wir es fast geschafft. Ihr wisst doch noch, wie ich, zu Beginn, kühn behauptet habe, ich könnte – mit nur einem Wort! - einen ganzen Roman erzählen? Ihr hattet es schon vergessen? Mist, dass ich euch daran erinnert habe! So wäre ich jetzt fein raus gewesen. Na gut, dann erzähle ich halt doch meinen Roman – in einem Wort! Doch es ist nicht irgendein Wort – es ist ein Horrorwort! Ich erzähle Euch eine Horrorgeschichte!

eine horrorgeschichte: autobahnkreuz

auto.bahn.kreuz.


Sicher habt Ihr Euch gefragt, warum ich alle Beispiele klein geschrieben habe? Das liegt daran, dass die Worte sich weniger optisch voneinander unterscheiden können. Diese Gleichmacherei öffnet Lesern Räume für eigene Überlegungen. Außerdem erleichtert es die Schreibarbeit. Nehmen wir das erste Beispiel. Hätte ich: Tanz.bar oder Tanz.Bar schreiben sollen? Oder vielleicht gar tanz.Bar? Ich habe keine Ahnung, zudem hätten diese Überlegungen wenig gebracht. Im Gegenteil, sie hätten nur den Text verkompliziert und der Spaß wäre auf der Strecke geblieben. Wir merken uns: Wer klein schreibt, erreicht eine große Wirkung!

Zum Abschluss weise ich noch daraufhin, dass man nicht bloß mit einzelnen Worten spielen kann, das geht auch mit Sprichwörtern. Zum Beispiel: Wo man hobelt, fallen Späne. Was lässt sich daraus nicht alles basteln! Etwa so: Wo man hobelt, fallen Zähne. Wo man hobelt, fallen Hähne. Wo man hobelt, fallen Kähne. Oder auch: Wo man hoppelt, fallen Zähne. Wo man zündelt, fallen Hähne. Ich glaube, Ihr habt das Prinzip verstanden? Gut, jetzt sind wir nämlich am Ende. Wir merken uns – als Letztes – Dichter sind Propagandisten im Reich der Kunst. Sie geben nicht bloß vor, was Kunst zu sein hat, sie beteuern auch, dass das, was sie unter Kunst verstehen, auch Kunst sei.

Aus diesem Grund brauchen wir Kritiker. Nun ratet, für wen ich das hier alles geschrieben habe!

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