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Dienstag, 28. April 2015, 13:18

Bei wem beginnt die Resozialisierung von Gefangenen?

Bei wem beginnt die Resozialisierung von Gefangenen?

Es gibt Männer, die leiden an Altersgeilheit. Ich will jetzt keine Namen nennen. Ich sage nur, dass mir Henryk M. Broder nicht geheuer ist. Das ist vielleicht zu heftig, daher: Ich teile nicht seine Ansichten über Pornografie.

Wer glaubt, ich diskutiere hier verschiedene Geschmäcker, den muss ich enttäuschen. Ich will aber auch nicht die Moralkeule schwingen. Mir geht es durchaus um mehr: um Gesellschaft und Politik.

Broder schrieb jüngst einen Beitrag für die Welt, in der er Pornos für Gefangene forderte. Zumindest für deren Recht, sie via Internet zu bestellen und zu konsumieren.

Manche werden denken: Hat der alte Mann sonst keine Probleme? Gute Frage, das soll hier aber in keinster Weise interessieren. Broder wirft die Frage auf: Haben Gefangene ein Recht auf Pornografie oder nicht? Diese Frage ist gesellschaftlich wichtig und betrifft auch die Politik. Also unser Thema!

Gerechterweise erwähne ich, dass Broder nicht allen Gefangenen Zugang zur Pornografie gestatten will. So schreibt er: "Es mag Gründe geben, Sextätern den Bezug von Pornos zu untersagen." Doch in dem "Es mag Gründe geben ..." lässt sich ein gewisser Widerwille herauslesen. Eigentlich soll sich ein jeder Gefangene bei Pornos einen abrubbeln können dürfen, geht es aber wirklich nicht anders, dann kann man Ausnahmen treffen.

Broder würde jetzt einwenden, dass es besser sei, die Gefangenen würden Hand an sich anlegen als gewaltsam an Frauen. Dem widerspreche ich nicht. Ich frage aber meinerseits, ob man inneren Druck immer nur so loswerden kann oder muss? Mir scheint diese Forderung zu einfach. Sie klingt als habe sich einer nicht in Griff, als sei er hilflos seinen Trieben unterworfen und müsse alles begatten, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.

Gewiss, ich übertreibe. Männer können Pornos anschauen, ohne gleich den Drang zu verspüren, eine Frau mit Gewalt nehmen zu wollen. Da ich nicht als Moralapostel auftreten will, gestehe ich, dass ich auch schon Pornos angesehen habe. Glaubt nun einer, ich sei ein schlechter Mensch - bitte - soll er! Im Gegensatz zu anderen sitze ich aber weder im Gefängnis noch bin ich ein Sexualstraftäter. Genau darum geht es aber.

Ich weiß, dass manche denken werden, ich mache es mir leicht. Ich lenke ab und diskutiere nicht, ob Pornografie nun erwünscht oder unerwünscht sein sollte. Gut, dann werde ich eindeutig: Pornografie sollte generell unerwünscht sein. Ich spreche aber nicht davon, sie zu verbieten! Diesen Unterschied treffe ich deshalb, da Pornografie, bei manchen, reale Beziehungen ersetzt. Sie gieren lieber nach sexuellen Reizen als nach menschlichen Reaktionen. Und das ist falsch.

Ich spreche von einem echten Leben und keinem falschen, das echtes Leben parodiert. Was anderes ist es zum Beispiel, wenn sich ein Mann eine Sexpuppe kauft und mit ihr lebt, als sei sie eine Frau? Es ist auch nichts Anderes, wenn einer lieber Pornostars anhimmelt, als eine Beziehung zu führen. Alles Das war falsch, ist falsch und wird immer falsch bleiben. Klinge ich wie ein männlicher Feminist? Es ist nicht meine Absicht. Feminismus hin - oder her: Frauen sind Menschen und verdienen Respekt.

Ich spreche also von einem echten Leben. Ein echtes Leben kann man niemandem verordnen. In der Hinsicht stimme ich mit Broder überein. Ein Staat, der Gefangenen Pornos entzieht, greift zu kurz. Es ist jedoch Aufgabe einer Gefängnisstrafe, Menschen zur Einsicht zu verhelfen. Resozialisierung nennt man das. Und da hapert es. Wahr ist, dass unsere Gesellschaft Täter wegsperrt. Wir bessern die Täter nicht, wir sperren sie lediglich für eine gewisse Zeit weg.

An dieser Stelle erwähne ich den Kriminologen Bernd Maelike, der bereits 1977 über Entlassung und Resozialisierung promovierte. Im Deutschlandfunk sagte er: "Der Vollzug, die Gefängnisse sind eine künstliche Welt – und in einer künstlichen Welt kann ich nicht das simulieren, oder vorbereiten auf die reale Welt." Da haben wir es: Der Vollzug ist eine künstliche Welt - keine reale. Quizfrage: Erlaubt man Gefangenen Pornos, stützt man dann eher die reale oder die künstliche Welt?

Und genau das ist der eigentliche Punkt, der mich von Broder trennt. Schreibt er also, das Gefängnis Berlin-Tegel handle "kontraproduktiv", indem es Gefangenen Pornos entziehe, halte ich entgegen, dass es konstruktiv handelt. Mal ehrlich: Die Einsicht, dass Menschen nicht bloße Sexobjekte sind, ist nicht kontraproduktiv sonder konstruktiv. Zudem reduzieren Pornos auch Männer auf ihr Geschlecht. Mir scheint, Broder versteht Rechte nur rein formal. Dass es um Resozialisierung geht, übersieht er.

Zum Schluss erteile ich dem Kriminologen Bernd Maelike das Wort, der in der besagten Sendung des Deutschlandfunk sagte: "Die Strafe besteht im Freiheitsentzug, man darf Gefangene nicht demütigen durch den Entzug von Frischluft oder Respekt. Doch vielfach ist das Theorie. Die Sozialarbeiter sind überfordert – man kümmert sich nur um den, der am lautesten Forderungen stellt. Noch immer wird um die Rentenansprüche von Häftlingen gestritten. Und immer noch oder wieder halten weite Teile der Gesellschaft Therapie und Ausbildung im Gefängnis für rausgeschmissenes Geld."

Mit anderen Worten: Wir haben die Täter, die wir verdienen. Lasst uns Täter ändern und uns! Uns! Uns!