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1

Mittwoch, 6. Februar 2013, 20:30

Fremdheits-Dialoge

Fremdheits-Dialoge, die nie stattfanden



Entknotung





Knoten sind meine treuen wie lästigen Begleiter.


Der Krawattenknoten. Mein Hals verträgt die mich einengende
Stofffülle schlecht. Aber als Bankkaufmann bin ich verpflichtet das
überflüssigste Kleidungsstück, das es gibt, anzulegen. Ein Beruf mit
Kundenkontakt: In dem bin ich deplaziert. Denn die Welt der Menschen ist mir
immer fremd geblieben. Konfrontiert mit den herumwuselnden Weltknoten, diesen
Subjekten des Wollens, aufgehend in schnelllebigen Wolllüsten. Das Schnelle ist
mir wesensfremd. Alles an mir ist träge und zähflüssig. Und das Wollen war auch
nie meine Stärke. Ich wollte nicht viel, und wenn, dann wurde mir meistens
gesagt, was ich Wollen solle. Ich war ganz zufrieden damit. Unzufrieden war ich
mit meinem Können. Meine Kannnot erstreckt sich auf alle Gebiete. Es gibt
Menschen, die dumm sind aber auf einem Gebiet brillieren. Das ist bei mir
anders. Ich bin dumm und überall insuffizient.


Die Vergangenheit bildet immer dicker werdende Knoten in
meinem Hirn. Nachts in meinen unruhigen Träumen tauchen längst gewesene Stränge
auf und verknüpfen sich mit anderen Vergangenheiten. Es ist leicht zu sagen,
dass das Gestern vorbei sei. Denn auch
wenn es nicht mehr existiert, liegt die Leiche des Gestern wirkungsmächtig auf
dem Heute. Weg ist die Vergangenheit
erst, wenn der Knoten im Kopf die Arbeit eingestellt hat.


Die Vergangenheitsknoten in meinem Hirn erdrücken meine
Gegenwart. Präsenz war nie mein Ding. Leute mit denen ich mich unterhielt
versicherten mir, ich wirke immer so als hätte ich gerade eine Überdosis
Schlaftabletten eingeworfen. Ich war immer ein Fremdkörper im Jetzt.


Aber das ist jetzt gleichgültig.


Ein Knoten in meinem Fleisch hat den Kampf gegen die anderen
Knoten aufgenommen. Er ist mächtig, kein Zweifel, dass er siegreich sein würde,
wenn ich ihm die Zeit ließe.


Diese Zeit werde ich ihm nicht lassen. Ich werde alle Knoten
auflösen, mit dir, meinem letzten Knoten.


Die Nulllösung wäre immer schon das Beste gewesen. Aber
meine Willensschwäche musste erst warten bis mir mein Knoten im Fleisch gesagt
hat, was ich tun soll.


Ich bin nicht der Typ für harte Sachen. Aber die Angst,
hilflos in einem Krankenhaus aufzuwachen lässt mich Abstand von weichen
Methoden nehmen.


Vor Höhen habe ich Angst, ich bin nicht Schwindelfrei.
Allein die Vorstellung auf einer Brücke zu stehen und in die Tiefe zu schauen
lässt mich erschaudern. Ein Zug ist mir doch zu hart. So haben sich zwei finale
Szenarien herauskristallisiert: Stiletttod oder Strangtod. Beim ersteren
befürchte ich ein Versagen der Hände; da ich bin kein energischer Mensch bin,
würde ich wahrscheinlich so zustechen, dass ich verletzt würde, aber nicht zum
Gewünschten vordränge. Da erscheint mir der Strang für mich passender; meine
Beine werden mich nicht im Stich lassen; ein kleiner Schritt zum Nichts.





Entspanntheit war nie mein Ding.


Ein befriedigtes Gefühl nach getaner Arbeit blieb mir in
meinem blödsinnigen kleinen Beruf verwehrt. Auch konnte ich mich nie ficksatt
zurücklehnen, im Gefühl doch irgend etwas zu taugen. Sex holte ich mir bei
Prostituierten. Ich hatte nie Charme und ähnliche Dinge mit denen man das
weibliche Geschlecht einem gewogen machen könnte. Ich war immer ein
unbeholfener Schambolzen. Ein paar Aufspringerchen, ein bisschen
professionelles Herumgeblase. Das war’s auch schon. Genug des larmoyanten
Herumgesülzes. Es ist jetzt egal. Ich bin in gelöster Stimmung. Und das wundert
mich, denn ich war nie ein guter Aufhörer. Ich klammerte mich an alles.
Alkohol, Fernsehen, Zigaretten, Internet. Die Tröstungen des Versagers. Jetzt,
da es um mein Leben geht bin ich ganz entspannt. Ich empfinde keine Wehmut,
keine Verbitterung, denn ich weiß, dass ich bald beendet sein werde.





Wie oft schon habe ich gesagt, dass ich sterben werde; das
ist nur Gelabere, wenn man jung und gesund ist; man glaubt sich nicht wirklich.
Solange der Körper funktioniert, hält man sich für unsterblich. Erst wenn die
Maschinerie des Körpers zu stottern beginnt, wenn einen Anfälle durchschütteln,
wenn der Körper schwach wird, ist man bereit sich in dieser Hinsicht zu
glauben.


Das Leben verarscht mich. Wenn es mir die Lockerheit, die
ich gegenwärtig empfinde schon früher hätte zuteil werden lassen, wäre vieles
leichter gewesen.





Dich, meinen letzten Knoten, habe ich sorgsam geknotet. Es
wäre mir doch etwas peinlich wenn ich, statt im Leichenschauhaus zu landen, mit
einem gebrochenen Fuß im Krankenhaus landen würde. Aber allzu viele Sorgen um
meine Würde mache ich mir nicht.


Denn in Würde zu sterben geht ohnehin nicht. Der
Schlussstrahl geht immer in die Hose. Aber das bekümmert mich nicht. Ich bin
zum ersten mal unbeschwert. Jetzt da meine letzten Minuten angebrochen sind,
mache ich mir keine Gedanken mehr. Alles ist geregelt. Mein Testament ist
verfasst, ich habe verfügt dass meine Leiche verbrannt werden soll. Das Danach
macht mir keine Sorgen. Meine Erben können von mir aus meine Ersparnisse
verprassen, meine Büchersammlung verramschen, es kümmert mich nicht. Meine
Verbrennung lässt mich kalt. Auch weil es dann kein mein mehr gibt. Mein sind
nur noch fünf Minuten.

2

Donnerstag, 7. Februar 2013, 21:50

Verknotung / Entknotung / Endknotung


Hans Beislschmidt

Administrator

Beiträge: 1 163

Wohnort: Saarbrücken

Beruf: selbstständig

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3

Donnerstag, 7. Februar 2013, 22:20

Hey Streusalzwiese,
es scheint, der Protagonist hat die letzten fünf Minuten nicht richtig genutzt.
Der Schlussstrich unter einem Leben der verpassten Möglichkeiten ist bitter, wenn auch mutig. Das wissentliche Verweigern eines Seelenfriedens, den man selbst herbeiführen könnte, endet lediglich mit einer tiefen Depression. Ein schlechter Zeitpunkt für einen Suizid aber leider an der Tagesordnung im Selbstmörderalltag. Wer sterben muss und nicht mehr leben darf, nutzt die Zeit meistens besser und geht entspannt, fast erwartungsvoll dem Tod entgegen.
Gruß vom Hans

4

Samstag, 9. Februar 2013, 17:37

Hallo Hans,
der Protagonist ist jemand, der sterben muss (ein Knoten im Fleisch hat die Arbeit aufgenommen) und dadurch jemand der "freiwillig" aus dem Leben scheidet.
Auf mich wirkt er eher so als wären die letzten fünf Minuten die glücklichsten seines Lebens. Vertan hat er das Leben vorher. Wahrscheinlich weil ihm der Tod zu weit entfernt schien.

5

Samstag, 9. Februar 2013, 17:39

Post? Mortem? Dialog?





Gott: „Ich gratuliere. Du hast ein tadelloses Leben geführt
und darfst deshalb in die ewige Glückseligkeit eingehen.“


Otto: „Aber ich bin doch Atheist! Wahrscheinlich sollte ich
besser sagen: Ich war doch Atheist.“


Gott: „In der Beziehung bin ich kulant. Ich achte auf den
Lebenswandel und nicht darauf wer was aus welchen Motiven heraus glaubt, oder
auch nicht glaubt. Selbst Pascal ist hier und das trotz seiner seltsamen
Wette.“


Otto: „Ich habe eine Bitte. Können wir uns Siezen? So vertraut,
dass ein Du angemessen wäre, war ich zu Lebzeiten nicht mit Ihnen.“


Gott: „Ganz wie es Ihnen
beliebt.“


Otto: „Da nun das geklärt ist, erlaube ich mir Ihnen eine
Frage zu stellen. Gibt es die Möglichkeit die ewige Glückseligkeit zu beenden,
wenn ich keinen Gefallen mehr an ihr finde? Auch als Atheist habe ich religiöse
Schriften gelesen: Diese Frage wurde nicht einmal erwähnt, obwohl sie doch eine
immense Bedeutung hat. Denn nur ungern lasse ich mich auf langfristige Projekte
ein, wenn mir keine Exit-Möglichkeit offen steht. Und die Ewigkeit ist nun mal
sehr, sehr langfristig.“


Gott: „Die Möglichkeit die ewige Glückseligkeit zu beenden,
ist nicht vorgesehen. Es muss Sie doch glücklich machen, dass Sie auserwählt
wurden. Welche Vorstellungen hatten Sie denn zu Lebzeiten vom danach?“


Otto: „Für mich bedeutete der Tod immer totale Auslöschung.
Für mich war das danach immer ein Nichts; Schwärze ohne Beobachter. Es ist
nicht so, dass mich diese Vorstellung restlos glücklich machte. Wenn ich mir
mein Ableben vergegenwärtigte, rebellierte mein Narzissmus gegen die
Vorstellung des Nichts-Werdens. Schlimmer war der Tod von Verwandten und
Freunden. Die radikale Endlichkeit brachte das Grauen der Endgültigkeit in mein
Leben. Alles was ich den Verstorbenen zu Lebzeiten nicht gesagt habe, bleibt
für immer ungesagt, alles was ich ihnen nicht getan habe, bleibt auf ewig ungetan. Es gibt keine Chance etwas
Wieder-Gut zu machen, wenn der Tod eingetreten ist. Das hört sich etwas pathetisch
an, ist aber richtig. Mildernd ist, dass einen derartige Versäumnisse nur bis
zum eigenen Tod kümmern müssen. Leichen im Keller verschwinden, wenn der
Hausherr stirbt. So zumindest meine Vorstellung.“


Gott: „Aber warum wollen Sie dann nicht in die ewige
Glückseligkeit eingehen? Im Paradies könnten Sie doch ihre Verwandten und
Bekannten wiedersehen.“


Otto: „Ein Wiedersehen kann es nicht geben, nur ein
Neusehen. Alles fließt, auch Menschen. Schon Klassentreffen bereiten mir
Unbehagen. Ich habe mit den Fremden, die früher meine Klassenkameraden waren,
nichts mehr zu tun. Es wäre peinvoll meinen Eltern gegenüberzustehen und -
Fremde zu erblicken. Ich bin, seit ich sie zum letzten mal sah, geflossen, und
auch meine Eltern hätten sich verwandelt, denn auch im Jenseits müsste man sich
stetig verändern – denn nur das Nichts verändert sich nicht. Es kann keine
Rückkehr zu einem vergangenen Zustand geben.


Auch ist es nicht so, dass die vollständige Auslöschung nur
Schattenseiten hat. Die Endlichkeit verleiht den Dingen Tiefe. Ewige Dinge
wären flach und ohne Bedeutung. Und es ist auch nicht so, dass ich der Idee des
Paradieses nichts abgewinnen könnte. Als Durchgangsstation auf dem Weg zum
Nichts würde ich es schon gerne mitnehmen. Aber wenn ich mich auf Gedeih und
Verderb der ewigen Glückseligkeit überantworten muss, dann sage ich: Nein,
danke!“


Gott: „Aber warum?“


Otto: „Ich bin nicht für die Ewigkeit geeignet. Es gibt
keine Wonnen, die ich nicht auf Dauer als grauenhafte Folter empfände. Ich sehe
nur zwei Möglichkeiten dieses Problem zu umgehen: Die erste wäre, mich so
umzuformen, dass ich Ewigkeitstauglich würde. Aber in diesem Fall müsste man
mich so massiv verändern, dass meine Persönlichkeit verloren ginge. Ich wäre
dann nicht mehr vorhanden. Die zweite Möglichkeit wäre, die Ewigkeit so umzugestalten,
dass sie vom Nichts nicht zu unterscheiden wäre. In beiden Fällen bekäme ich
das Nichts.“


Gott: „Bevor Sie sich hier in philosophischen Spekulationen
verlieren, sollte ich Ihnen noch etwas mitteilen: Ihr Herz hat vor wenigen
Sekunden zu Schlagen aufgehört. Sie führen hier keinen Dialog , sondern Ihr
bzw. mein, oder besser: das Gehirn führt einen Monolog. Was sich hier abspielt
nennt sich Nahtoderfahrung, wie Du selbstverständlich weißt. Ich kehre
angesichts dieser Aufklärung zum Du zurück. Ich muss zugeben: Es ist eine
außergewöhnliche Nahtoderfahrung: Kein Tunnel, keine Lichterscheinung, kein
Lebensfilm, keine Wiederbegegnung mit Verstorbenen. Aber Du warst ja schon
immer ein seltsamer Typ. Seltsame Typen haben nun mal seltsame
Nahtoderfahrungen. Da dies jetzt geklärt ist, werde ich dir noch

6

Samstag, 9. Februar 2013, 21:56

Also Streusalzwiese ich verstehe dich sehr gut, denn der Mensch ist auf dieser Welt nicht sonderlich willkommen und will deswegen schnell wieder abkommen von der überbelasteten Mutter, denn wenn niemand mehr nach ihr sucht, so wäre für sie alles in Butter. Suchst du die Mutter, so wirst du feststellen, sie kann dir nichts geben, es sei denn, du selbst kannst ihr Bewusstsein erheben.

Siegelbruch

7

Sonntag, 10. Februar 2013, 00:32

Ja ich würde jedes Kind umbringen, welches meiner Zeugung würde entspringen, denn nur über die Zerstörung meiner Zeugung, würde mir auch mein eigener Selbstmord gelingen. Haltet alles das, was ich schreibe für ungescheit, und doch ist es die Wahrheit, denn warum soll ich erst warten, bis das von mir gezeugte Kind zum Suizid ist, bereit, wegen der irdischen Unwillkommenheit. Ja bei dieser harmonischen und irdischen Heuchelei, da ist viel Meuchelmord dabei.

Ich zeuge (die Zeugen, die danach trachten mich später einmal anzuklagen) nicht, und genau das ist mein höheres Licht.

Wir sind, und wer wiedergeboren wird als irdisches Kind, der ist blind und will somit erst einmal werden, was wir sind, und wehe er gebärdet sich so, unter dem Motto: „Es gibt nur einen der gewinnt!" Ja in diesem Fall ist er sofort jemand, der wieder in der dritten Dimension herum spinnt.

Ja es muss wohl erst einmal jemand aussprechen, um genau dieses Siegel zu brechen.

Siegelbruch

8

Sonntag, 10. Februar 2013, 17:14

.......


Post? Mortem? Dialog?




Hans Beislschmidt

Administrator

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Wohnort: Saarbrücken

Beruf: selbstständig

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9

Montag, 11. Februar 2013, 12:25

den Dialog Otto/Gott fand ich bemerkenswert, den Fluß der Zeit sehe ich genauso auch - trotzdem bin ich der bescheidenen Überzeugung, dass wir alles und alle wiedersehen werden. Ob das nun erfreulich sein wird, sei dahingestellt.
@ siegel ....

Zitat

denn nur über die Zerstörung meiner Zeugung, würde mir auch mein eigener Selbstmord gelingen.
keine Ahnung wie deine Allmachtsphantasien zustande kommen und wer allles in deinem Kopf ein Wörtchen mitzureden hat.
Gruß vom Hans

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Beruf: RnTnR + Ringelroth-Double

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10

Montag, 11. Februar 2013, 15:29

@Streusalzwiese
Ein deprimierendes Referat über die Befindlichkeiten eines Todkranken, die ihm nur diesen einen Ausweg lassen. Das Schlimme dabei für den Außenstehenden ist dessen Hilflosigkeit

@Anja
Deine Bilder sind treffend und lösen bei mir Bewunderung aus.

@Siegelbruch

Zitat

denn nur über die Zerstörung meiner Zeugung, würde mir auch mein eigener Selbstmord gelingen.

Das ist doch viel einfacher: Knips dich aus, BEVOR du zeugst, dann brauchst du nur ein Leben zu löschen und ersparst der Mutter die Trauer über den Verlust ihres Kindes.
Ansonsten schließe ich mich den Ausführungen meines Vorkommentators an.

Kopschüttelnde Grüße
Ringelroth
http://www.lulu.com/spotlight/tetracolor
Ich bin ein Ver-Rückter. Aber ich mag mich. 8)

11

Dienstag, 12. Februar 2013, 20:59

???

Guten Abend, Ringelroth,


es freut mich, dass Du meine Bilder als zum Text passend empfindest. Danke für das Lob!


Über das, was Siegelbruch schreibt, dachte ich nach, weil es polarisiert und verstört:

"... denn nur über die Zerstörung meiner Zeugung, würde mir auch mein eigener Selbstmord gelingen..."


Zunächst ist es negativ besetzt. Es geht um Selbsttötung. Es verstört um so mehr, als dass darüber hinaus der gezeugte Spross zerstört werden soll, um radikal auszulöschen.


Geht das überhaupt? - Radikale Zerstörung, nichts von mir zurücklassen, indem ich „meine Zeugung“ mitnehme. Nun stellt sich die Frage danach, was der „letzte Spross“ der „Letzte seines Geschlechts“ denn ist. Wie definiert man den? Und in welchem Kontext?

Im Kontext zu einem das Menschengeschlecht begründenden Urpaar, z.B. Adam und Eva? - In dem Falle ließe sich gar nichts radikal auslöschen, egal, wieviele eigene Sprösslinge eliminiert werden.


Ich gebe zu, ich komme an meine Grenze. Es ist ein interessanter Stoff, weil er nicht zu Ende gedacht werden kann.


Freundliche Abendgrüße aus Berlin, „Anja“

12

Sonntag, 17. Februar 2013, 19:33

Ja ich würde jedes Kind umbringen, welches meiner Zeugung würde entspringen, denn nur über die Zerstörung meiner Zeugung, würde mir auch mein eigener Selbstmord gelingen. Haltet alles das, was ich schreibe für ungescheit, und doch ist es die Wahrheit, denn warum soll ich erst warten, bis das von mir gezeugte Kind zum Suizid ist, bereit, wegen der irdischen Unwillkommenheit. Ja bei dieser harmonischen und irdischen Heuchelei, da ist viel Meuchelmord dabei.
Die irdische Unwillkommenheit kann in den Tod führen.
Die gesellschaftliche Unwillkommenheit kann zum Ungeziefertum führen.

13

Sonntag, 17. Februar 2013, 19:35

Über Ungeziefer


Interview mit zwei Ungeziefer-Aspiranten


I: „Das Interview könnte schwierig werden. Ich habe noch nie
mit Menschen Gespräche geführt, die als Ziffernfolge angeredet werden wollen,
oder als Niemand.


Nr. 1623: „Ich bin ein Namensverweigerer. Einen Namen wollte
ich nie haben. Der stellt eine Vortäuschung von Kontinuität dar.“


Niemand: „Ich werde in diesem Gespräch des öfteren Lügen von
mir geben. Und zwar immer dann wenn ich gesagt wird. Wie Sie sehen, war
mein erstes Wort schon eine Lüge. Aber ich lüge nicht, weil ich täuschen will.
Meine Lügen stellen Rücksichtnahme auf sprachliche Konventionen, ohne die ein
Gespräch leicht in die Unverständlichkeit entglitte, dar.“


Interviewer: „Sie betrachten das Ich als Lüge? Haben Sie so
etwas nicht?“


Niemand: „Was bedeutet schon ein Ich wenn man alleine ist?
Es zerbröckelt. Zerfällt wie die Sprache. Man befindet sich nicht mehr auf
einer Kommunikationsebene mit anderen Menschen. Ein Wir ist nicht mehr
möglich. Zu Beginn des Allein-Seins bestünde schon noch die Chance auf ein
seltsames Ich. Aber was heißt schon Ich ohne andere Ichheiten. Es
entgleitet und wird zur Unverbindlichkeit des Man. Ein weiterer Schritt
kann zum Etwas führen. In diesem Stadium befinde ich mich gerade. Sie
sehen – wenn ich es auch nicht zu etwas gebracht habe – zum Etwas habe ich es
gebracht.“





Interviewer: „Sie wollen also ein Ungeziefer werden. Das
sind ja seltsame Ambitionen. Wie kommt man nur auf so einen skurrilen
Gedanken?“


Niemand: „So grotesk ist das nun auch nicht. Schon in Dostojewskijs
>Aufzeichnungen aus dem Kellerloch< hat der Protagonist den Wunsch zu
einem Ungeziefer zu werden; in Kafkas >Verwandlung< verwandelt sich die
Hauptfigur tatsächlich in ein Ungeziefer.“


Interviewer: “Das sind Fiktionen. Sie wollen in der wirklichen
Welt ein Ungeziefer werden. Und überall wo Menschen andere Menschen zum
Ungeziefer erklärt haben, folgte der Mord an ebendiesen Menschen. Ihre
Ungezieferambitionen befremden mich und sie erschrecken mich.“


Niemand: „Mit diesen geschichtlichen Gräueln hat mein
Ungeziefertum nichts zu tun. Weder fordere ich damit jemanden auf mich zu
ermorden, noch verwende ich es als Anklage. Man könnte ja der Meinung sein, ich
wollte den Menschen durch meine Ungeziefererklärung einen Vorwurf machen. Ihnen
unterstellen, sie behandelten mich wie Dreck. Aber all dies liegt nicht in
meiner Intention. Es stünde im Gegensatz zu meinem Unglauben in Sachen freier
Wille. Ein angehendes Ungeziefer macht keine Vorwürfe, weil es weiß, dass
Menschen genauso zwangsläufig ablaufen wie alles andere auch. Man käme nie auf
die Idee, einem Stein, der auf einen Spaziergänger stürzte und ihn dabei
verletzte einen Vorwurf zu machen. Ich betrachte Menschen als Naturereignis,
oder eher als Naturkatastrophe. Ich mag Menschen nicht. Aber einen Vorwurf
würde ich nicht an sie richten. Alles läuft wie es läuft, und es kann gar nicht
anders laufen.“


Interviewer: „Muss man dazu ein vom Leben Gebeutelter sein,
ein Loser?“


Niemand: „Ich weiß nicht, wie wichtig Beschädigungen für die
Wunschentstehung sind; sicher spielen sie eine Rolle. Aber als
Ungezieferaspirant sollte man darüber schweigen. Denn sonst wird man in der
Entwicklung stehen bleiben, wenn man sich nicht gar zurück entwickelt.“


Interviewer: „Haben Sie so schlechte Erfahrungen gemacht,
dass Sie kein Mensch mehr sein wollen?“


Niemand: „Wie schon gesagt: Darüber möchte ich schweigen.
Ich finde Ihr Insistieren auf diesem Punkt als unhöflich. Das ist so, als wenn
Sie eine Frau wiederholt fragen ob sie ihr unter den Rock schauen dürfen.
Prinzipiell ist nichts gegen eine einmalige Fragestellung einzuwenden. Die
Menschen haben sich durch ihre Höflichkeitsregeln um viele Chancen gebracht.
Aber ein Nein sollte akzeptiert werden.“
(1.Teil)

14

Sonntag, 17. Februar 2013, 19:38

I: „Und was sagen Sie dazu Herr 1623?


1623: „Beschädigungen haben bei mir durchaus eine Rolle
gespielt. Mein Ungezieferanwärtertum ist eine Flucht. Ich war unglücklich,
sogar todunglücklich, bis mir eines Tages das Büchlein >Austrittserklärung
aus der Menschheit< in die Hände fiel. Genau dieses Buch brauchte ich in
meiner damaligen Situation. Es kann schon sein, dass den meisten Menschen der
Inhalt dieses Buches als lächerliches Geschwätz erschiene, wenn sie es denn
lesen würden. Aber für mich war er eine Offenbarung. Die Gedanken >Ich will
kein Mensch mehr sein.< und > Ich will aus der Menschheit austreten.<
gaben mir neuen Lebensmut. Vom selben
Autor sind auch >Anleitung zum Ungezieferwesen<, und >Also, sprach das
Ungeziefer< welche ich mir selbstverständlich umgehend besorgte. Im
Ungeziefertum liegt viel Heilsames. Ich wollte im Überschwang des Neuentdeckten
schon durch die Straßen laufen und jedem Passanten >Sieh her, ich bin ein
Ungeziefer< zuschreien.“


Interviewer: “Wie kamen Sie denn in diese unglückliche
Situation, die Ihnen aus ihrer Perspektive nur den Austritt aus der Menschheit
ließ, Herr 1623?“


1623: „Mein Problem ist schwer zu beschreiben und vielleicht
gar nicht zu verstehen, wenn man nicht selbst darunter leidet. Es ist ein
Entfernungsproblem. Der Abstand zwischen mir und den anderen Menschen war immer
zu groß.


Diese Distanz wuchs im Laufe der Jahre immer mehr an.
Anfangs wollte ich die Lücke schließen. Aber das war ein hoffnungsloses
Unterfangen. Nach einiger Zeit, als mir bewusst wurde, dass mein sozialer Tod
unausweichlich war, arbeitete ich dann am weiter Aufreißen der Kluft, denn
Hassanfälle, die sich gegen die gesamte Menschheit richteten, quälten mich.
Ungeziefer-Sein ist für mich die letzte Lösung, die ein Überleben ermöglicht.
Der Tod löst alle Probleme auf einen Schlag. Aber sterben wollte ich noch
nicht; mir wäre in meiner Aufgewühltheit aber kein anderes Mittel als der Tod
verblieben, hätte ich nicht das Ungezieferwesen entdeckt. Denn das Ungeziefer
befindet sich in der größtmöglichen Distanz zu den Menschen. Eine Distanz, die
sowohl das Ungeziefer vor den Menschen schützt als auch die Menschen vor dem
Ungeziefer. Mein Hass auf Menschen wandelte sich mit Zunahme der Distanz zuerst
in Verachtung und wurde dann Gleichgültigkeit.“


Interviewer: „Wie kann man sich das leidlich vorstellen, die
Verwandlung in ein Ungeziefer?“


1623: „Der Großteil des Verwandlungsgeschehens vollzieht
sich im Gehirn. Äußerlichkeiten gibt es auch:


Am Anfang meiner Verwandlung wiederholte ich ständig die
Worte >Ich bin ein Ungeziefer< ohne mir recht zu glauben. Aber es
entspannte mich doch, gab mir Ruhe. Machte die Stimmen in mir schwächer. Denn
auch wenn ich früher allein und einsam war, oder besser: gerade weil ich allein
und einsam war, waren meine Gedanken ein ständiger vorgestellter Dialog mit
Personen, die ich von früher kannte. Immer wieder wiederkäute ich dieselben
blöden Gespräche, deren Inhalt nichtig und vorgestrig war. Jetzt herrscht in
meinem Kopf Stille. Es gelang mir die Macht der Vergangenheit zu zerstören. Ab
und zu habe ich auch heute noch Vergangenheitseinbrüche; aber die sind von
minderer Intensität.


In der Anfangszeit machte ich auch Übungen. Dazu gehörte,
dass ich mich gezielt lächerlich machte, meine Notdurft öffentlich verrichtete,
dass ich in der Öffentlichkeit onanierte. Ich machte letzteres nicht etwa aus
exhibitionistischen Neigungen, sondern um mich dem Menschlichen zu entwöhnen.
Das brachte mir Bußgelder und auch einen Eintrag ins Führungszeugnis ein. Das
fand ich nicht schlecht, da mich die Strafen weiter entfremdeten.“


Interviewer: „Die Öffentlichmachung von Tabubetätigungen
erinnert mich an den Kynismus.“


1623: „Ähnlichkeiten zum Kynismus bestehen sicher. Aber es
gibt auch Unterschiede. Strebten die Kyniker ein Leben in Bedürfnislosigkeit
und Natürlichkeit an und wollten ihre Mitmenschen noch dazu bekehren, so strebt
ein Ungeziefer nach nichts, am wenigsten nach Natürlichkeit und will auch
nichts, am wenigsten vom Menschen. Außerdem glaubten die Kyniker, dass ihre
Lebensweise eine Steigerung des ethischen Bewusstseins zur Folge hat. Ein
Ungeziefer glaubt nichts und ist an Dingen wie dem ethischen Bewusstsein
desinteressiert.“


Interviewer: „Sie sind also Menschen, beziehungsweise
Ungezieferaspiranten, die bar allen
Humanismus sind?“


1623: „Engagement kenne ich nicht. Ich bin kein Humanist.
Auch der kleine Mann von der Straße ist ein Riesenarschloch. Diese Aussage
gilt, das sei aus Geschlechtergerechtigkeitsgründen angeführt, auch für die
kleine Frau von der Straße.“


Interviewer: „Mir ist bisher noch nicht klar geworden worin
das Ungeziefersein besteht. Die Erklärungen hierzu waren sehr nebelhaft. Gibt
es so etwas wie ein Wesen des Ungeziefers?“


Niemand: „Die Identität der Person hängt ab von Gedächtnis,
Bewusstsein und von sozialer Zuschreibung. Ein Ungezieferaspirant arbeitet mit
letztgenanntem.


Es ist den wenigsten Menschen bewusst, wie sehr einen der
Umgang mit Menschen zu einer Person macht. Persona bedeutet nach der
ursprünglichen Wortsinn Maske oder auch eine Rolle spielen. In der Gesellschaft
muss man immer eine Rolle spielen; sei es als Elternteil, als Freund, als
Arbeitskollege usw. Ich hüte mich vor Gesellschaft. Gesellschaft treibt mich in
die Normalität. Als ich noch in die Schule ging, war die Zeit nach den Ferien
immer ein Kulturschock. Die Ferien verbrachte ich alleine, seltsamen Gedanken
nachhängend. Die Rückkehr zur Schule brachte immer eine Veränderung mit sich.
Man übernimmt sehr viel von der Umgebung. In Gesellschaft verändern sich auch
die Gedanken. Sie werden normaler. Wenn man sich in Gesellschaft begibt, ist es
möglich, dass der bis dahin zurückgelegte Weg zum Ungeziefer zunichte gemacht
wird. Kafka hatte unrecht. Man verwandelt sich nicht über Nacht in ein
Ungeziefer. Es ist ein langer, harter Weg dahin, den man, wenn Unachtsamkeit
Einzug gehalten hat, nicht halten kann. Der Weg zum weg sein aus der
Gesellschaft kann immer wieder auf Abwege, d.h. zurück zur Gesellschaft
führen.“
(2.Teil)

15

Sonntag, 17. Februar 2013, 19:41

Interviewer: „Kann ich ein Ungeziefer erkennen, wenn ich ihm
zufällig auf der Straße begegne?“


Niemand: „Die Verwandlung ist ein inwendiges Geschehen. Die
menschliche Hülle bleibt erhalten. Erkennbar ist ein Ungeziefer höchstens am
Blick. Der Blick des Ungeziefers offenbart die Fremdheit, die sich in ihm
breitgemacht hat.“


I: „Nun denn. Aber verstehen kann ich ihre Ambitionen
wirklich nicht. Sich freiwillig in die Rolle des Abartigen zu begeben kann mich
nur mit dem Kopf schütteln lassen.“


Niemand: „Ein Geziefer will ja
auch keiner sein.“


Interviewer: „Was bitte, ist denn unter einem Geziefer zu
verstehen?“


Niemand: „Ein Geziefer ist vor allem ein zum Opfern
geeignetes Tier. Ich stelle mir unter Geziefer einen Gebrauchsmenschen vor, der
dem Kapitalismus zum Opfer gebracht wird. An dieser Stelle besteht die Gefahr,
einer falschen Fährte hinterher zu jagen. Mein Ungezieferwesen hat nichts mit
dem Kapitalismus zu tun, ist kein Aufschrei gegen irgendeine Politik oder sonst
etwas. Ich bin auch kein Verweigerer. Die Vokabel >Verweigern< stellte
eine Vortäuschung von Aktivität dar. Mein Wesen ist passiv. Ich bin jemand der
nicht mitmacht. Den Keim des Ungeziefers trug ich schon immer in mir. >Mit
dem stimmt etwas nicht<, hörte ich schon die Nachbarn munkeln als ich noch
klein war. Als Schüler bezeichnete mich mal ein Lehrer als >Der Andere<
Er bemerkte sofort die Unpassendheit seiner Worte, besann sich auf seine
pädagogische Rolle, verbesserte sich und sagte meinen Vornamen. Es offenbarte
aber was er wirklich dachte. Und was er dachte, war wahr. Ich war der Andere.
Nirgendwo dazugehörend. Überall deplaziert. Das ist auch heute noch der Fall.
Auch unter anderen Ungeziefer. Eine Gemeinschaft der Ungeziefer gibt es nicht.
Ungeziefer ist jeder für sich allein.“


Interviewer: „Gibt es denn nicht Probleme mit der Familie
und Bekannten? Ich vermeide bewusst das Wort Freunde, weil ich mir nach dem
bisher Gesagten beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass einer von Ihnen
so etwas besitzt.“


Niemand: „Ich bin nicht verheiratet, auch habe keine Kinder.
Somit bin ich aus dieser Richtung befreit ein altersgemäßes, vernünftiges
Verhalten zeigen zu müssen. Meine Eltern sind gestorben, Geschwister habe ich
keine. Berufliche Karriere wollte ich nie machen; auch kenne ich Menschen zu
gut, als dass ich etwas mit ihnen zu tun haben wollte.“


1634: „Auf mich trifft ähnliches zu. Allerdings habe ich
noch Verwandtschaft. Zu dieser habe ich schon vor langer Zeit den Kontakt
abgebrochen. Schon lange vor meiner Verwandlung. Ich bin ein einzelgängerisches
Tier.“


Interviewer: „Ein Tier? Die meisten Menschen verbitten es
sich, als Tier bezeichnet zu werden.“


1623: „Ja der Mensch sieht sich gern als Krönung der
Schöpfung, obwohl er eher als Dröhnung der Schöpfung zu bezeichnen ist, ob des
Lärms, den er ständig um sich selbst veranstaltet. Es bleibt dabei: Der Mensch
ist ein Tier, der Mensch ist ein Affe. Er ist ein Nackt-Affe, oder auch ein
Gier-Affe.“


Interviewer: „Ich glaube immer noch, dass Kränkungen der
entscheidende Auslöser ihrer seltsamen Verwandlungswünsche sind. Wenn man Sie
mit allen Ehren in der Gesellschaft aufnähme, Ihnen ein Amt antrüge, oder auch
den Nobelpreis anböte: Könnten Sie widerstehen oder würde ihr Ungeziefertum
unter der Last dieser Ehrungen pulverisiert?“



Niemand: „Ich bezweifle, dass ich im Ungeziefertum schon so
verhaftet bin, dass eine Inkommensurabilität zur Gesellschaft besteht.
Vorhersagen sich selbst betreffend über sein eigenes Verhalten in ungewohnten
Situationen sind immer Lügen. Auch dann, wenn sie sich zufälligerweise als
richtig erweisen. Man muss erst in einer Situation gewesen sein um Abschätzen
zu können wie man auf sie reagiert. Aber das sind absurde Fragestellungen. Von
Ämtern und Nobelpreisen bin ich Welten entfernt. Näherliegend sind Fragen wie:


Soll man sich als angehendes Ungeziefer kenntlich machen,
beispielsweise mittels Plakette? Hier könnte man wieder den falschen Eindruck
erwecken, den Menschen ein schlechtes Gewissen machen zu wollen. Nicht, dass
dies etwas ausmachte. Das Desinteresse an den Gedanken der Menschen ist ein
Indikator dafür, wie weit die Ungezieferwerdung schon vorangeschritten ist.
Missverständnisse bestehen zu lassen, sich keine Gedanken zu machen wie etwas
verständlich zu machen ist: das ist eine Gleichgültigkeit, die auf dem Weg zum
Ziel zunimmt. Als Ungeziefer hat man sich radikal von den Gedanken der Menschen
verabschiedet. Nicht dass ich damit behaupten wollte, dass ich bereits ein
vollwertiges Ungeziefer sei. Das wäre anmaßend.“


Interviewer: „Irgendwie tun Sie mir Leid.“


Niemand: “Ein Ungeziefer muss man nicht bedauern. Ich
erzähle Ihnen nicht die Geschichten aus meinem Leben um Mitgefühl auszulösen.
Das Mitleid zurückzuweisen ist weit schwerer als Verachtung abzuwehren, aber
unbedingt nötig. Ein Ungeziefer ist aus dem sozialen Leben herausgefallen. Es
will nichts von den Menschen. Das Positive am Ungeziefersein ist die fehlende
Fallhöhe. Ein Ungeziefer krabbelt am Boden, würdelos und ohne Ehre. Ich lebe
ohne Ehre; wenn mich jemand beschimpft, gebe ich ihm Recht und füge noch schlimmere
gegen mich gerichtete Beleidigungen hinzu. Es liegt wirklich nichts daran. Ich
betrachte mein Leben als ständiges Experiment. “


Interviewer: „Herr 1623 hat ja
angemerkt, dass ein Ungeziefer nichts glaubt. Sind Sie auch Glaubens- und
Religionslos, Herr Niemand?“


Niemand: „Ich möchte
jünger sein, aber nicht Jünger sein. Mit Religion habe ich nichts am Hut. Ich
mag dieses >im Drüben-Angeln< nicht. Dieses Wortspiel ist nicht korrekt,
denn das Drüben stellt den Köder dar. Mach dies und das, und du wirst deine
Belohnung nach dem Tod erhalten. Na ja. Ich kann damit nicht das geringste
anfangen“


Interviewer: „Sie lieben
Wortspiele.“


Niemand: „Ja, ich spiele nur
noch mit Worten. Ungeziefertum bedeutet auch den Austritt aus der
Kommunikationsgemeinschaft. Bedeutungen zerrinnen. Egal ob lustig, traurig.
Alles ist gleich gültig. Das war der letztmögliche Zeitpunkt für ein
Interview.“


Interviewer: Herr Niemand, Herr
1623, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.“





Für die Interessierten sei hier
noch ein kleiner Auszug aus dem angesprochenen Buch „Heranführung zum
Ungezieferwesen“ abgedruckt:





Dein Blick sei eine
Inkommensurabilitätserklärung!






Anerkenne die
Beziehungslosigkeit zwischen dir und den Dingen!






Anerkenne, dass dir dein
Leben entzogen ist!






Lebe ohne Ehre; wenn du eine
Würde brauchst, dann greife auf eine selbstgemachte zurück!









Sei niemandem ein
Wohlgefallen;



Schmeichle weder dem Auge,


noch dem Ohr,


noch dem Hirn!
(3. und letzter Teil)

Hans Beislschmidt

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16

Montag, 18. Februar 2013, 09:43

Interessanter Text ....

Der Interviewer arbeitet investigativ - wahrscheinlich ein Analytiker.

1623 gefällt sich in der Rolle alles zu negieren, wobei die Begrifflichkeit „Ungeziefer“ gleichwohl eine attestierte Wertigkeit darstellt, denn sie siedelt sich selbst am unteren Ende einer humanistischen Bewertungsskala an. Das mag wohl mit einem tief ausgeprägten Gefühl von Schuld und Versagen zusammenhängen, die sich durch permanentes Infragestellen von soziologischen Abläufen manifestiert.

1623 trifft aber für sich nicht die logische Konsequenz eines Eremiten-Daseins in der kanadischen Einöde mit 1,2 Bewohnern/qkm, sondern gefällt sich in der Rolle inmitten eines zivilisatorischen Zentrums sein Außenseitertum zu zelebrieren, als erwarte er einen Richterspruch oder Strafmaß für seinen Habitus. Das führt zur Frage, warum er so um Reflektion bettelt.

Mögliche Deutungen wären: - eine pathologische Störung, z.B. eine schizoide Fehlfunktion oder aber die Auswirkungen eines nichtverarbeiteten Schocks (Unfall, Schicksalsschlag) ...

17

Montag, 18. Februar 2013, 18:43

Ungeziefertum

"...Ungeziefertum bedeutet auch den Austritt aus der Kommunikationsgemeinschaft. Bedeutungen zerrinnen..."




18

Montag, 4. März 2013, 16:41

Interessanter Text ....
Danke.

Der Interviewer arbeitet investigativ - wahrscheinlich ein Analytiker.
Möglich.

1623 gefällt sich in der Rolle alles zu negieren, wobei die Begrifflichkeit „Ungeziefer“ gleichwohl eine attestierte Wertigkeit darstellt, denn sie siedelt sich selbst am unteren Ende einer humanistischen Bewertungsskala an. Das mag wohl mit einem tief ausgeprägten Gefühl von Schuld und Versagen zusammenhängen, die sich durch permanentes Infragestellen von soziologischen Abläufen manifestiert.
Er sagt, dass seine Wandlung zum Ungeziefer eine Flucht sei, die er angetreten hat, weil seine Distanz zu den Menschen zu groß gewesen sei.

1623 trifft aber für sich nicht die logische Konsequenz eines Eremiten-Daseins in der kanadischen Einöde mit 1,2 Bewohnern/qkm, sondern gefällt sich in der Rolle inmitten eines zivilisatorischen Zentrums sein Außenseitertum zu zelebrieren, als erwarte er einen Richterspruch oder Strafmaß für seinen Habitus. Das führt zur Frage, warum er so um Reflektion bettelt.
Wenn er in die Einsamkeit ginge, würden ihm vielleicht die Menschen -metaphorisch- zu nahe rücken.

Mögliche Deutungen wären: - eine pathologische Störung, z.B. eine schizoide Fehlfunktion oder aber die Auswirkungen eines nichtverarbeiteten Schocks (Unfall, Schicksalsschlag) ...
Möglich.

19

Montag, 4. März 2013, 17:03

Freiheitskämpfer trifft auf Losigkeitskämpfer


Dialogisches Gebrabbel in drei Akten


1. Akt





X: „Ich habe schon viele Leute getroffen, aber einem
Losigkeitskämpfer bin ich noch nie begegnet. Warum kämpfen Sie nicht für
Freiheit? Dieser Kampf ist es Wert ausgefochten zu werden.“


Y: „Als Freiheitskämpfer kann ich mich beim besten Willen
nicht sehen. Das hieße, sich die Dinge schönzureden. Frei sein funktioniert
nicht; was aber geht, ist, dass man gewisse Dinge los wird, oder, dass einen
gewisse Dinge los werden.


Ich kämpfe für und gegen meine Losigkeiten. Ich kann mir
zweifelsohne nicht aussuchen wofür oder wogegen ich kämpfe. Kämpfe ereignen
sich. Entscheidungen ereignen sich. Alles hängt im Gewebe der Welt. Vom
Sprachspiel der verantwortlichen Urheberschaft habe ich mich verabschiedet.
Beziehungsweise wurde ich verabschiedet. Beziehungsweise etwas anderes, was
nicht ausdrückbar ist. Wenn man um ontologische Korrektheit bemüht ist, führt
man einen Kampf gegen die Sprachlosigkeit, oder wird geführt, oder was anderes.“



X: „Freisein funktioniert doch: Die Gedanken sind frei.
Meine Gedanken kann mir keiner nehmen.“


Y: „Die Gedanken sind frei: Das trifft insofern zu, als sie
nicht kontrolliert werden können. Auch nicht von einem selbst. Die Gedanken
kommen; man kann auch sagen die Gedanken sind los. Glücklich sind die Menschen,
die Gedanken für frei halten. Denn deren Denken vollzieht sich in nicht
aneckenden Bahnen. Die, deren Gedanken in chaotischen und anstößigen Bahnen
verlaufen, werden das Sprüchlein mit einem gequälten oder müden Lächeln zur
Kenntnis nehmen.“


X: „Also ist man ihrer Meinung nach machtlos gegenüber
seinen Gedanken?“


Y: „Seinem Gehirn scheint man hilflos ausgeliefert. Öfters
stelle ich mir die Frage: Was macht nur mein Gehirn mit mir? Man verzeihe
dieses dualistische Sprachspiel. Es ist in Bezug auf die Realität nicht
richtig. In der Realität gibt es keine Gegensetzungen. Man ist nicht aktiv, man
ist auch nicht passiv, man passiert einfach. Man ist ein Vorgang in der
Glibbermasse, die sich im Schädel befindet. Man ist eine fragile Konstellation
der Materie; ein wenig zu viel Glibber an einer Stelle oder das Fehlen von
etwas Glibber an einer anderen Stelle machen alles anders. Andauernd werden im
Glibber Substanzen hin- und hergeschoben. Wenn auch nur ein paar Milligramm
zuviel oder zuwenig am falschen Ort sind, hat das mitunter drastische Folgen.
Ein paar Milligramm hiervon machen einen zur lebenden Karikatur, ein paar
Milligramm davon lassen einen Amok laufen.“


X: „Sie haben komische Vorstellungen. Die Person sitzt also
in diesem Glibber fest?“


Y: „Man ist kein Gefangener des Glibbers. Man ist ein
Geschehen im Glibber. Es gibt kein Jenseits des Glibbers: Wenn nichts mehr
glibbert ist nichts mehr da von der Person. Und wenn es anders glibbert, dann ist
da eine andere Person. Der Mensch ist ein reines Glibberwesen. Realität ist
immer genau das was der Glibber so macht.“






X: „Auf ihre Worte zum zuviel Glibber an gewissen Stellen
möchte ich eingehen. Anatomische Besonderheiten können Freiheitsmindernd oder
auch ganz Freiheitsaufhebend, und damit auch Schuldmindernd beziehungsweise
Schuldaufhebend sein. Zum Beispiel kann ein Hirntumor die Freiheit
beeinträchtigen, aber das ist doch noch lange kein Grund die Freiheit in Bausch
und Bogen zu verwerfen.“


Y: „Das ist absolut inkonsequent. Man sucht sich fast nach
Belieben irgendwelche Abweichungen zusammen, die man als Schuldrelevant
anerkennt. Auch das gesunde geistige Leben besteht aus Prozessen, die mit
derselben Zwangsläufigkeit ablaufen wie die Prozesse im kranken Hirn. An der
Unfreiheit ändert sich im gesunden Gehirn nichts. Wenn man der Auffassung ist,
Freiheit habe etwas mit Unvorhersagbarkeit zu tun, müsste man eher Kranke als
freier bezeichnen; denn ihre Entscheidungen werden unvorhersehbar. Ein Tumor
macht sein eigenes Ding.“


X: „Ich bin so frei, das Thema Schuld auf später zu
verschieben. Ich kann mir aussuchen ob und wann ich ein Thema diskutieren will.
Frei bedeutet ja nicht nur frei von sondern auch frei zu. Das ist ein
wesentlicher Unterschied.“


Y: „Frei ist positiv konnotiert. Das macht dieses Wort für
Sülzer und alle, die sich selbst gerne betrügen, attraktiv. Los als Suffix ist
negativ besetzt; das macht dieses Anhängsel für mich anziehend.


Die Sozialisten erfanden die freie demokratische Republik,
die Militärs das Freikorps, die Nudisten den Freikörper. Nicht, dass ich ihnen
einen Vorwurf daraus machte; auch das Frei-Schönreden ist alternativlos. Denn
ich weiß, dass es nur einen Weg gibt; nämlich den, der jeweils eingeschlagen
wurde. Wenn ein Autofahrer den einzigen Baum im Umkreis von hundert
Quadratkilometern rammt, dann führte kein Weg an diesem Baum vorbei. Der
einzige, diesem Autofahrer mögliche Weg, endete genau an diesem Baum.“


X: „Es fahren doch zahlreiche Autofahrer an dem Baum vorbei.
Es gibt viele Wege, die nicht zur Kollision führen.“


Y: „Andere Autofahrer schlagen - genauso zwangsläufig wie
der Rammfahrer - andere Wege ein. Aber um das geht es hier nicht.“


X: „Wenn Sie meinen. Ich finde ihre Ansichten trostlos. Ich
werde nicht von der Freiheit lassen – auch wenn es sie gar nicht geben sollte.“



Y: „So trostlos sind meine Ansichten gar nicht. Mir wurde
die Gelassenheit des Losen zuteil, der nicht an Willensfreiheit und ähnlichen
metaphysischen Krimskrams glaubt. Nein, diese Aussage ist Quatsch. Richtiger
müsste sie lauten: Mir wurde eine rein verbale Gelassenheit zuteil. Im Innern
bin ich immer noch ein neurotisches Arschloch. Erkenntnisse machen nicht
gelassen. Schuldgefühle können auch auftreten, wenn man weiß, dass es so etwas wie
Schuld gar nicht geben kann. Sie bleiben länger erhalten als der Glaube an
Schuld. Selbstvorwürfe können bestehen, auch wenn der Glaube an das Selbst
schon zertrümmert wurde. Es gibt viele Menschen, die in einer abstrakten
Diskussion den freien Willen und damit auch die Schuld ablehnen, die aber,
sobald ihnen im ganz konkreten Leben etwas gegen den Strich geht, nichts
besseres zu tun haben, als Schuldzuweisungen zu tätigen. Das kann für den
Betreffenden auch wieder eine Quelle neuer Selbstvorwürfe sein. Erkenntnisse
kommen zu spät, als dass sie so tief in das Gehirn eingeritzt wären wie das
andere Zeug.“


X: „Man kann sich also nach Ihrer Ansicht nicht ändern?“


Y: „So wie Sie das ausdrücken nicht. Änderungen können
erfolgen. Glücklicherweise zerbricht während des Heranwachsens so manche
Korsetttage, die zu eng eingestellt wurde. Sie reibt sich, wird solange
bearbeitet bis sie bricht.“