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Joame Plebis

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Beruf: Strassensänger, der aus Scham nicht singt

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21

Donnerstag, 7. Juli 2011, 00:43

Nach etlichen Versuchen gelang es ihm. Mit wirrem Haar stakste er näher und blieb mit erhobenem Zeigefinger stehen. Er fuchtelte damit nach links und nach rechts. "Jetzt weiss ich es! Ich werde mir ein Denkmal bauen, von dem Fürsten nur träumen konnten. Ein Werk will ich schaffen, mit dem ich mich in die Reihen zu den Unvergesslichen geselle. Wenn ich nicht die Unvergänglichkeit erlange, so soll es die Unvergesslichkeit sein."
Keinsilbig rief begeistert ein "Bravo, bravo, Hans". "Das ist ein erstrebenswertes Ziel, für mich bist Du schon jetzt unvergesslich. Außerdem darf mich jeder bei meinem Kosenamen nennen. "Verehrteste, den kenne ich nicht" kam es von Ralfelinchen "aber ich werde ihn ja gleich erfahren". "Denkt Euch einen aus" lachte sie schelmisch und zupfte Hans einige Halme aus seinen Locken.

Die Miene von Ralfelinchen heiterte sich auf und er sprang aus dem Stand mindestens einen halben Meter in die Luft. "Ich auch, ich habe es auch gefunden, mein Ziel. Wenn ich wie seltsamerweise der Fall ist, nicht die Unsterblichkeit haben kann, sich Hans, dieses Schlitzohr, die Unvergesslichkeit reservieren will, dann habe ich etwas viel Besseres. Leute, kommt einmal alle her! Kommt alle, kommet, höret und staunet!" Den letzten Satz hatte er mit posaunenartiger Gewalt geschrien, dass in der fünf Kilometer weit entfernten Ortschaft die Hunde zu jaulen begannen.

Alle kamen, liefen und krochen sie heran, so schnell wie es ihre momentane Befindlichkeit zuließ. Etwas ganz Wichtiges wurde verkündet, das sie erfahren wollten und wissen mussten.

Im Halbkreis standen sie vor Ralfelinchen und sperrten die Ohren auf. Keiner wagte mehr zu rülpsen. Sie standen, so gerade sie konnten, und warteten - eine Menschenwoge mit einer Ausdünstung von Wein, Bier, Sekt und Nikotin, die sogar die Disteln verdorren ließ.
Hans ergriff das Wort, ernst und eindringlich. "Sag es uns Ralf, was ist es. Als Brüder haben wir das Recht, es zu wissen."

"Mache ich, ruhig, bleibt ganz ruhig und schnappt mir nicht über, ich sage es schon." Ralf hob die Hände empor und begann mit überzeugenden Worten zu sprechen und zu erklären. Einige vergaßen zu atmen, bis sie plötzlich nach Luft japsen mussten.
Ein unwirkliches Bild. In lauer Luft zeigte sich am Horizont ein nie gesehenes cadmiumgelbes Band eines neuen Morgens. Aus dem Nichts fegte ein Sturm heran, der purpurne Spiralen in das Kobaltblau zu fegen schien. - Sie standen. Ralf hatte die Arme erhoben und verkündete im Schlußsatz:" .... und deshalb, meine Brüder, nehme ich den Auftrag an und gründe die neue Religion, die mir zu Ehre gereichen wird und der Welt meine Göttlichkeit verkündet." "Ziehet hin und sagt allen, Ihr habt den Propheten erschaut, zu dem ich für Euch für kurze Zeit geworden bin. Denn ich bin Euer Einziger und Wahrer - und nach mir wird keiner mehr kommen!"

"Logisch" stellte ich fest "dem kann doch keiner das Wasser reichen."
Aus Hans brach es euphorisch hervor und er rief mit überschnappender Stimme "Salve, Ralf! Rennfisole rief "Sapere aude!" "Wie bitte?" fragte ich kurz nach.
Keinsilbig erklärte mir, das heisse soviel wie 'Habe Mut, weise zu sein'. "Ach, Danke! Ist ja schon eine Weile her bei mir."
Eine glockenhelle Stimme, die niemandem Bestimmten zuzuordnen war, wegen des Gedränges und der noch herrschenden Dunkelheit, konnten wir vernehmen mit "Latein, das war doch früher, jetzt wäre Enlisch angebrachter." "Richtig, so ist es" gurgelte Hans. Er hatte schnell einen kräftigen Zug aus einer Flasche getan.

Abgelenkt von dieser Erklärung, hatte keiner darauf geachtet, wie Ralfelinchen sich seiner Kleider entledigt hatte. "Ja was wird den das?" kreischte es aus einer der hintersten Reihen der neuen Jünger. Mit ruhiger Stimme, die einen dunklen melodischen Klang hatte, beschwichtigte Ralf "Habt keine Furcht, es ist noch zu dunkel, niemand wird zu Schaden kommen. Sollte aber doch der eine oder der andere sein, der meint, von meinem Anblick getrübt zu werden und glaubt für jetzt oder für die Hinkunft einen Schaden zu erleiden, dem werde ich nach meiner Abfahrt eine Karte geben, wo erklärt wird, wie er sich schadlos halten kann. Außerdem bin ich für jeden telefonisch erreichbar, aber Vorsicht, wegen der Roaming-Gebühren, die sind gar nicht billiger geworden, sondern teurer."
Mit diesen Worten ging er zum Eintopfkessel. Voll gemischter Gefühle sahen wir zu, wie er seine Hände darin wusch. Er fuhr mit seinen Ausführungen fort: "Ab heute hat jeder der Anwesenden eine Gratis-Hotline zu mir. Die Nummer werdet Ihr durch eine Eingebung erlangen. Trinket noch etwas und wartet ein Weilchen. Ich sehe, es sind noch viele volle Krüge und Flaschen da. - Jetzt entschuldigt mich bitte."

Barfuß lief er etliche Meter, bis er in der Dunkelheit verschwand.

Chavali

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22

Donnerstag, 7. Juli 2011, 08:32

....ääähemm, bitte entschuldigt, wenn ich mich in die Geschichte mogele :D

Das sind ja krasse Einfälle, tolle Sachen, die euch da einfallen, da bin ich ganz und gar talentlos....
Vielleicht sollte ich meinen Nick abändern in talentlos - aber ich glaube, den gibt es schon irgendwo anders :S

Jedenfalls habe ich alles mit Vergnügen gelesen (bis auf ein paar weniger witzige Bemerkungen :huh: )

Schön, lieber Joame, dich wieder lesen zu dürfen!

Talentlose Grüße,
Chavali
Nicht was wir erleben, sondern wie wir es empfinden, macht unser Schicksal aus.
(Marie von Ebner-Eschenbach)

Chavali

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23

Sonntag, 10. Juli 2011, 16:10

Doch Ralfetto blickte von oben herab auf den kleingeistigen goulaschsaftbeschmierten Beislschmidt und offerierte ihm,
dass er niemals zu seinem Gefolge gehören dürfe.
Nur Zwerge und Reisswölfe dürften sich in seinem Glanz sonnen.

Beisl schlich von dannen und traf auf Joame, der in seinem Schlepptau keinsilbig hatte, die sich an seinem Rücken festgesaugt hatte
und ständig betonte, sie sei ein Maikäfer.



.
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Chavali

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24

Montag, 11. Juli 2011, 13:05

hahahahahaha...ein natur-drogen-wirr-warr


...sagte das Ralfelkind als Reisswolf verkleidet.
Um seinen Schwanz gebunden hatte er einen Beutel, der mit Drogen gefüllt war, natürlich Natur-Drogen, wie Engelstrompete.
Er stellte sich auf die Hinterpfoten und rief: Wer will mit mir Wirr-Warr spielen?



:P :P :P
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Joame Plebis

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25

Mittwoch, 13. Juli 2011, 23:16

Beislhans war nicht untätig gewesen. Er ergriff das Ende eines langen Gartenschlauches, den er angeschlossen hatte und pfiff doppelstimmig eine rührseelige Melodie. So zog er die Aufmerksamkeit der Poetengesellschaft auf sich, die sich neugierig und erwartungsvoll um ihn scharte. Im nächsten Moment sprangen alle kreischend auseinander, denn Hans spritze um sich, ehe er sich pustend und lachend mit dem kalten Wasser abduschte. Er rieb sich und schrubbte sich, wandte sich, sprang mit kichernden Lauten auf der Wiese umher, die sich alsbald in einen morastähnlichen Sumpf verwandelte.
Leicht außer Atem und sehr erfrischt drehte er den Wasserstrahl wieder ab und gesellte sich mit pitschnassem Haar zu den anderen. "Auf geht's, wenn's unbedingt sein muss, besichtigen wir die Werkstatt. Ich sage Euch aber gleich, da wird nicht viel zu sehen sein, denn bei einer geistigen Werkstatt gibt es nicht viel Werkzeug so wie bei einem Tischler oder Schlosser. Vielleicht finden wir einen abgenudelten Schreibstift von Joame aus den Fünfziger Jahren, aber nur wenn wir Glück haben."
"Der stinkt noch immer nach Gulasch", das war keinsilbig nur herausgerutscht, doch zu spät, Hans hatte es gehört. "Wer im Glashaus sitzt.... Was meinst Du, wie Du duftest, hast die ganze Nacht lang fest den verschiedensten Weinsorten zugesprochen; was sage ich da, richtig in Dich hineingeschüttet." Keinsilbig war mit einemmal wirklich keinsilbig. In einem unbeobachteten Augenblick hauchte sie in ihre vorgehaltene Hand, um festzustellen, ob sie eine Alkoholfahne habe.

Inzwischen stapfte die Schar durch den aufgeweichten Rasen dem Haus zu. Allen voran ging Ralfchen, der sich ausgebeten hatte, ab sofort nur noch Meister Ralfulus genannt zu werden. Von wo er den goldfarbenen wallenden Umhang hatte, wusste keiner. Er stand ihm prächtig. Während seine Rechte den Stoff an der Brust zusammenhielt, trug er in der Linken einen verdorrten Rosenstock wie ein Zepter. Eine gewisse Ähnlichkeit mit Waluliso war ihm nicht abzusprechen, nur war er stattlich und schritt erhobenen Hauptes.
Chavali griff unablässig in ein Körbchen, aus dem sie edle Rosenblüten streute. Ihre Gedanken eilten voraus; noch wußte sie nicht, welcher Schreck sie erwartete, wenn sie Joame gegenübertreten würde.
Keinsilbig blieb etwas zurück, da sie noch immer ihre Alkoholfahne testete. Beislhans hielt mit Ralfulus Schritt und fühlte sich sichtlich wohl und unternehmungslustig, obwohl er noch klitschnass war. So gelangte die Gesellschaft an die Tür des Hauses. Sie traten nacheinander ein, was nicht ganz ohne Gedränge ablief.

Joame Plebis

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26

Montag, 1. August 2011, 22:41

Der Hausherr blickte in die Runde. Mit einem donnernden Schlag hieb er auf den Tisch "Ruhe!"
Hätte ein Blitz eingeschlagen, wäre die Reaktion nicht stärker gewesen. Einige zuckten zusammen. Hans hatte die Daumen in seinem wertvollen und eleganten Ledergürtel eingehakt und gab knapp seinen amüsierten Kommentar ab: "Da habt ihr es."
Keinsilbig ließ vor Schreck ihren glimmenden Zigarettenstummel fallen und wagte nicht zu atmen; schien den Qualm des letzten Zuges hinuntergeschluckt zu haben. Die Rauchschwaden, die aus ihrer Nase drangen, fächelte sie hinweg und lauschte mit gebanntem Blick.
"Niemand soll auf die Folter gespannt werden und länger rätseln, was hier zu sehen ist. Kurz und simpel gesagt: diese ausgemergelte Gestalt birgt nichts Anstößiges oder Widerliches. Was wir hier sehen, ist ein Kunstprodukt, ein Summasurium an Phantasie. Kopfabwärts, geschickt durch Kleidung und Umhang verborgen, besteht dieser Kerl aus Nichts. Dieses Nichts wurde durch ein Kaleidoskop ersetzt. Ihr seht, mit jedem Blick ergibt sich ein anderes Muster und anderes Farbenspiel. Dieser Homunculus ist nichts anderes als ein in Körperform angefertigtes Kaleidoskop mit Gehirn. Wahrscheinlich steuern die Betrachter durch ihre Blicke ungewollt sein Verhalten. Was mir Sorge bereitet, das ist der Umstand, daß ich einen Sensor an ihm entdeckte, der Energien von uns aufnimmt. Je mehr wir ihn beachten, umso mehr Energie gewinnt er; sein Geist wird durch unsere Kreativität gespeist."

Die Tragweite dieser Eröffnung lastete im Raum, dessen Temperatur deutlich gesunken war. Sogar der Hauch des vereinzelten Flüsterns war zu sehen.
"Laßt aber die Köpfe nicht hängen, wir haben ein Gegenmittel. Wer diesen Kaleido-Homunculus ansieht, sollte sich bemühen, nur wirres Zeug zu denken. Auf diese Weise können wir verhindern, von unserer wertvollen Energie etwas abzugeben; zugleich aber verwirren wir ihn und belassen ihn in seinem bestehenden Zustand."

Wie ein einstimmiger Chor erklang es "Das ganze verstehe ich nicht ganz."
"Es ist auch nicht leicht zu verstehen. Wo Wirrnis haust, sollten Gedankenvolle zurückhaltend sein, bis der unschädliche Einfluß des uns so verwirrenden Homunculus bewiesen ist."

Hans nahm Chavali bei der Hand; Keinsilbig nickte ihnen zu. Hans ergriff das Wort "Was sprichst Du für wirres Zeug, das ist doch bereits schädigender Einfluß irgend einer unbekannten Macht. Wir können Dir kaum folgen. Oder hast Du etwa gar aus vom Fisolensekt getrunken?"
"Das mußte ich, da ich sonst nichts Trinkbares vorfand. Ein vorzügliches Getränk."
"Ja, vorzüglich aber ein total halluzinogenes Gebräu. Du solltest Dich lieber schleunigst hinlegen, während wir nachdenken, was dagegen zu unternehmen ist."
"Da wird es nichts dagegen geben. Schon spüre ich, wie es immer heftiger wirkt. Ich fühle mich, als ob ich eine elektrische Fledermaus wäre. Schafft mir diesen güldenen Ralfulus aus den Augen samt seinem implantierten Kaleidoskop . Oder was immer da auf dem Tisch liegen mag... dieses mutierte Dingsda .... - Hui - alles dreht sich."

Joame Plebis

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27

Dienstag, 2. August 2011, 20:09

"IIgittigitt, was ist denn das?" Keines Wortes fähig deutet Rennfisole auf das Gesicht von Ralfulus, das zu leuchten begann. Unzählige Pickel erschienen auf Wangen und Nase und zerplatzten mit einem knirschenden Geräusch. "Abscheulich! Was ist das bloß?"
"Keine Aufregung, meine lieben Poeten," beruhigte Hans "unser güldener Ralfulus hat nur eine kleine Entzugserscheinung."
Mit diesen Worten griff er zum Telefon. Seine Miene war alles andere als beruhigend. Endlich hatte er eine Verbindung.
"Nein" schrie er ins Telefon "kein Wasserschaden und kein Hausbrand. Ich brauche ein Spezialfahrzeug für Entseuchung oder wie Ihr das nennt. Wir brauchen Desinfektionsmittel und einen Teufelsaustreiber."
Nur bruchstückhaft war der angerufene Gesprächspartner zu verstehen; es handelte sich anscheinend um die Feuerwehr. "Ja, genau, endlich habt Ihr mich verstanden. "Wenn schon, dann nehmt sicherheitshalber auch einen mit, darum bitte ich. Nein, keinen Piraten, einen Psychiater sagte ich."
Oh Herr, sind die Leute taub oder dumm - oder beides? Er schüttelte den Kopf und steckte das Handy in seine ausgebeulte Jackentasche, aus der ein Zipfel einer Weißwurst herauslugte.
"Wie soll es weiter gehen?" "Frag nicht, Keinsilbig, der Mann kommt auf den Müll, aber zum Sondermüll. Für mich ist die Sache abgeschlossen. Dürfen wir nun endlich mit der Führung weitermachen? Vorher genehmigen wir uns noch einen Chateau Lafite."

28

Freitag, 5. August 2011, 10:26

das alles war zuviel gewesen für keinsilbig. erst eine propheten-erscheinung, dann der blick in ralfchens kaleidoskop und schließlich noch dessen nippelschmuck - sie brauchte ein paar momente für sich allein, um das gebührend zu verarbeiten.

mühsam versuchte sie sich robbend aus der lehmig-nassen gruppe angehender (und reichlich alt aussehender) jünger zu lösen. an deren rand angekommen, rappelte sie sich behutsam hoch und wankte um die nächste ecke hinter das gebäude. dort stand sie eine weile so.
während das kreisen in ihrer wahrnehmung allmählich etwas nachließ - vermutlich ralfchens kaleidoskop-wirkung - beobachtete sie im heraufsteigenden morgendämmern ein reh, das aus dem kukuruzfeld gleich vor ihr stieg und, als es keinsilbig erblickte, stocksteif verharrte.

auch keinsilbig verharrte. allerdings war ihr stocksteif nicht möglich, da sie pitschnass war und vor kälte am ganzen körper schlotterte. oder waren das die auswirkungen der erscheinung, derer sie teilhaftig geworden war? egal.
dennoch gelang es ihr, sich so gut wie reglos zu verhalten. das reh kam vertrauensvoll näher. keinsilbig staunte und begann sich ein wenig zu fühlen wie francesca von assisi. vielleicht waren sie ja wirklich alle erleuchtet worden und dieses edle tier spürte das?

"wie schön du bist" hauchte keinsilbig zu tränen gerührt, als das reh mit seinen großen, braunen augen beinah schon mit ihr schnauze an nase stand.
das reh verdrehte seine pupillen nach oben unter die lider, bis nur noch das weiße darin zu sehen war und fiel zur seite.

die fahne musste wohl gewaltiger sein, als keinsilbig angenommen hatte.
staunend hauchte sie nochmals in ihre eigene hohle hand.

Joame Plebis

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29

Samstag, 6. August 2011, 19:51

Ralfelinchen war zu beschäftigt, indem er in die Augen des Rehes glotzte und mit dem Backenzähnen knirschte und sich an der Wange kratzte. So hatte er nicht gemerkt, wie Joame zu keinsilbig getreten war. Behutsam legte er den Arm um ihre Schulter. Sie ließ es gerne geschehen, das Beben ihres Körpers wurde schwächer und sie schien sich sichtlich zu beruhigen. Das Gras dämpfte ihre Schritte, als sie sich entfernten.
An einer Hecke, abseits des Geschehens, machten sie Halt. "Joame, darf ich Dir etwas sagen?" "Mir kannst Du alles sagen." Sie nahmen auf einem liegenden Baumstamm Platz und lehnten die Köpfe aneinander; ihre Blicke waren in die weite Unendlichkeit gerichtet. "Bevor Du sprichst, will ich Dir etwas gestehen, was keiner weiß." Sie wandten die Gesichter einander zu. Keinsilbig legte einen Finger auf seinen Mund. "Du brauchst mir nichts zu sagen, ich habe es schon immer geahnt."
"Dennoch sollte es auch ausgesprochen werden. Es waren immerhin fünf Jahre meines Lebens." "Ich weiß" bestätigte keinsilbig "und ich weiß auch, das ist eine lange Zeit, die Du nun bedauerst."
Er sah sie an "Die Zeit bedauere ich nicht, nur daß sie durch den Zwischenfall schlagartig zu Sinnlosigkeit wurde. Nun soll das abermals geschehen? Warum meinst Du, schreibe ich nicht mehr bis auf einige nichtssagende Belanglosigkeiten. Weil mir die Freude fehlt; sie wurde mir förmlich über Nacht genommen - ich erblicke keinen Sinn mehr darinnen. Weil jederzeit wieder ein unüberlegter Datenspäher daherkommt und alles ins Lächerliche zieht. Nein, das soll nicht wieder passieren!"

"So gesehen verstehe ich Dich. Einige Jahre sind, verzeihe, in Deinem Alter, doch ein gewaltiger Prozentsatz der Lebenszeit." "Genau, das ist es. Diese kleinste der verbliebenen Freuden darf nicht zerstört werden, dieses gelegentliche Schreiben, durch Unüberlegtheit eines Einzelnen, aus einer Laune heraus. Nun kennst Du den Grund, warum ich nicht schreibe und weißt, warum ich Deine Erwartungen enttäuscht habe.
In letzter Zeit beschränke ich mich auf das Denken, ohne etwas niederzuschreiben. Ich denke ein Gedicht - und weg ist es. Ich erdenke ein neues - und wieder ist es weg. Nichts bleibt, nichts wird geschrieben. Kein Futter für Spötter und Datenforscher." "Komm" sagte keinsilbig "wir werden einen Weg finden, Du wirst wieder schreiben, selbst wenn es nur in Briefen an mich ist."

Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von »Joame Plebis« (7. August 2011, 01:08)