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Hans Beislschmidt

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Montag, 28. April 2014, 20:32

Die Kammersonate in der Humpenbucht

Der Dichter machte sich am Dienstagmorgen ernsthafte Gedanken über seine Gesundheit. Seit Minuten starrte er schon die weiße Klopapierrolle an, die ihn in stiller Erwartung auf ihre baldige Verwendung entgegengrinste. Er krallte seine nackten Zehen in den Toilettenvorleger, als könne er damit den Gang alles Irdischen beschleunigen. Außer einem verdächtigen Rumoren in seinen Gedärmen und einem leichten Schwindelgefühl im Kopf, konnte er jedoch keine Anzeichen bemerken, ob sich die gewissen - und herrenlose Peristaltik endlich in Gang setzen würde. Im Geiste ging er noch einmal seinen gestrigen Speiseplan durch, um die üblichen Verdächtigen dieser Verzögerung einem Kreuzverhör zu unterziehen. Der Döner mit der extra scharfen Sauce fiel ihm ein - zwei Stück der kalorienbelasteten Schokoladentorte und - fast hätte er die terroristischen Karamellbonbons vergessen. Aber die Guerillataktik, sich in der harmlosen Tüte zu verstecken, hatte den Sirupklebrigen letztlich nichts genutzt. Auf der A1 starben sie einer nach dem anderen einen nassen Tod und mussten Kebab und Torte Gesellschaft leisten. Er spürte, dass sich kleine Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten und begann etwas zu drücken. Nicht zu viel, denn sogar in der letzten Spiegelausgabe wurde dem übermäßigen proktologisch schädlichen Drücken eine komplette Titelseite gewidmet und vor den verheeren Folgen einer subduralen Blutung gewarnt. In seiner kleinen Kammer hörte der Dichter durch die Toilettentür, dass von draußen Musik erklang. Es war irgend etwas Klassisches. Der Dichter mochte keine klassische Musik. Am meisten hasste er die sich überschlagenden Sopranstimmen - künstliches Gequieke nannte er es.

„Muss das sein?“ schrie er durch die Toilettentür und riss drei Stück von der grinsenden Papierrolle ab.

„Das ist Beethoven - die As-Dur Sonate“ rief eine weibliche Stimme aus dem Flur.

„Mir egal wer das ist“.

„Aber hör doch mal zu - bei der Kammersonate wird meist auf den Kopfsatz verzichtet und es geht gleich vom Menuett in das Scherzo und endet dann wunderschön im Rondo“.

„Mach keine Scherzos am frühen Morgen und stellt den Mist ab. Bei mir geht’s gleich Allegro“.

Die Musik verstummte und der Dichter bemerkte auf dem Badewannenrand einen Kajalstift.
Er streckte sich nach dem Stift und zuckte zusammen, als neuerlich Musik erklang. Diesmal war es klassische Gitarrenmusik. Fast wäre er von der Kloschüssel gerutscht, konnte sich aber noch halb festhalten. Wegen diesem blöden, rutschigen, weißen Humpen hatte er sich den Ellbogen angeschlagen. Mühsam stemmte er sich gegen die Sitzbrille und drückte langsam, wie ein Barrenturner im Stütz seinen Hintern nach oben. Zum Glück hat das niemand gesehen - dachte er.

„Haste denn nix anderes?“ rief der Dichter und legte das Klopapier auf den Badewannenrand und begann zu schreiben – die Kammersonate - kritzelte er mit dunkelbrauner Farbe auf das weiße Papier.

„Du liebst doch Gitarrenmusik“ ertönte wieder die Stimme von draußen gut gelaunt.

„Aber doch nicht zum Frühstück“ rief der Dichter hinaus und begann die erste Textzeile zu schreiben.

„Das ist Paganini – die Grand Sonata in A Dur“ hörte er die Stimme von draußen.

„Ich denk, der spielte Geige“.

„Stimmt, der konnte aber genauso gut Gitarre spielen“.

„Is ja ein Ding“ rief der Dichter und spürte gleichzeitig, wie seine Peristaltik zu arbeiten begann und ihn von dem ersten schweren Sirupklumpen erlöste. Mit einem dumpfen „Plob“ durchbrach er die Wasseroberfläche und schickte die aufschäumende Gischt bis hoch hinauf zu den Unterschenkeln des Dichters. Zum Glück hat das niemand gesehen - dachte er wieder.

„Die Grand Sonata hat er für seinen Freund geschrieben, war dann aber bei der Uraufführung dennoch so eitel, dass er die erste Geige – ich meine die erste Gitarre gespielt hat“.

„Eitel war er also auch?“ schrie der Dichter jetzt in einem sehr gepressten Tonfall. Der Rest, jetzt weit aus liquider, kündigte sein Kommen an und entlud sich mit einem onomatopoietischen Braddeln in die weiße Meeresschlucht, schlug donnernd gegen die Humpenbucht.

„Sind doch alle Musiker – Dichter übrigens auch“.

„Ach nee, was du so alles weißt“ rief der Dichter und begutachtete seine amorphe Hinterlassenschaft durch die fokussierende Klobrille. Er betrachtete sein kleines Gedicht auf weißem Fließpapier und überlegte einen Moment lang, ob er sein künstlerisches Sediment mit beerdigen solle. Er entschloss sich aber dann, es doch in seiner Tasche verschwinden zu lassen. Man weiß ja nie – dachte er – vielleicht kann man es ja doch noch mal gebrauchen. Im Bewusstsein die richtige Entscheidung getroffen zu haben, riss er ein paar neue Blätter von der Rolle, wischte sich die Furche und drückte den Abzugsknopf. In einem tosenden gurgelnden Wellenkreisel, sich nach innen verkleinernd wie die Rillen einer Schallplatte verschwand das dunkle Brackwasser und bald lag das Meer wieder da - unschuldig hell und glatt wie ein Spiegel. Nur ein paar braune Klippen hatten sich an seiner Steilküste gebildet, die der Dichter aber mit der Klobürste entfernte. Nichts mehr in dieser weißen Ödnis erinnerte an den dunklen Tsunami, der noch vor wenigen Sekunden ans Ufer krachte.

„Bist du jetzt endlich fertig da drinnen? Der Kaffee ist fertig“.

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2

Dienstag, 29. April 2014, 11:00

Hallo Hans,

gibt es das Wort "loriotisch"?
Ich denke, es sollte existieren, denn ich finde deine Seebestattung mit Musikbegleitung sehr loriotisch.
Herausragend die Erkenntnis, dass Paganini vor dem Frühstück abführend wirkt.

Interessiert hätte mich allerdings der Wortlaut des Gedichtes mit dem Kajalstift als Geburtshelfer -
ist da was überliefert?

kammerspielerischen Gruß
Ringelroth
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Hans Beislschmidt

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Dienstag, 29. April 2014, 11:13

hehehehe ....
das war ein parodistischer Erklärungsversuch für ein Gedicht von Dance Macabre (leider schreibt er nicht mehr im Net) ... ich stell es mal (seine Erlaubnis vorausgesetzt) kurz hier ein ....
http://www.dielyriker.de/showthread.php/…le-Kammersonate


Stille Kammersonate

Gebräunte Sirupklumpen
Verfüllen weiße Humpen,
Deren andächtiger Halt -
Ein Stütz des Dichters Gestalt!

Das Naturgebot versenkt,
Wenn ihr Druck Gedanken lenkt -
So blickt durch diese Brille
Des Dichters frommer Wille.

Gepreßt in dunklen Fluten
Hört man´s aus Schüsseln tuten,
Doch taktgewährtes Monoton
bleibt schwerelos, sagt keinen Ton.

So trieft geschwind die Welle
Von produktivster Stelle
Und entsorgt aus Dichters Po
Seine Leistung - tief ins Klo.

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Dienstag, 29. April 2014, 11:47

Da bin ich froh, dass du es parodiert hast.
Hier zeigt sich wieder mein altes Problem mit der Lyrik

Gruß
Ringelroth
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Hans Beislschmidt

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Dienstag, 29. April 2014, 19:28

wir hatten einen Riesenspaß damit ...
ein Komm der besonderen Art (damals hatte ich noch Zeit ... stöhn)

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Dienstag, 29. April 2014, 20:11

Spaß gehabt? Oh, ja, ich hab's grad nachgelesen.

Keine Zeit? Ich kann dir ja welche borgen - ich hab ungewollt mehr davon, als mir gut tut (Scheiße!)

Gruß
Ringelroth
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