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Freitag, 1. Februar 2013, 17:53

Das Land, in dem das Totwünschen wieder half

Einst besuchte eine Fee ein mittelgroßes Land. Sie hatte die
Absicht, dem ersten Bürger, dem sie begegnete einen Wunsch zu erfüllen, wie
sich das halt für Feen so gehört. Schon kurz nach Antritt ihres Besuchs lief
ihr ein Bewohner dieses Staates über den Weg. Der wünscht sich sicher eine
Verbesserung seines Aussehens, dachte die Fee bei sich, als sie dem nicht
hübschen Bürger ihr Anliegen nahe brachte. Ohne langes Nachdenken und ohne mit
der Wimper zu zucken sprach dieser: „Ich wünsche mir, dass alle verfickten
Schweinehunde abkratzen, wenn ich mir das wünsche.“


Die Fee war bestürzt ob des Wunsches und angewidert von der
Wortwahl. Das ist suboptimal gelaufen, dachte sie bei sich. Die Wünsche sind
auch nicht mehr das was sie einmal waren. Aber: Versprochen ist versprochen.
Ich muss den Wunsch erfüllen. Aber da ich diesem soziopathischen Zeitgenossen
kein Alleinstellungsmerkmal gönne, werde ich alle Einwohner mit der Gabe des
Totwünschens ausstatten. Und so geschah es.



Schnell verbreitete sich im gesamten Land die Kunde welch
ungewöhnliche Begabung die Fee jedem Bürger zum Geschenk gemacht hatte.


Alsbald sahen die Menschen in dem Lande teils betroffen,
teils erfreut die ersten Politiker tot umfallen. Von Tag zu Tag nahm die Anzahl
der Polititleichen zu. Waren es am Anfang noch Spitzenleute gewesen, so füllten
rasch auch Hinterbänkler die Leichenschauhäuser.


Auch Polizisten und Lehrer starben wie die Fliegen. Es kam
eine Zeit des Massensterbens, der Präventivtotwünschungen gegen Nachbarn,
ehemalige Freunde, ungeliebte Geschwister und anderes Gesocks. Nach dieser Zeit
des Todes beruhigte sich die arg dezimierte, davongekommene Bevölkerung
langsam.


Es entwickelte sich eine anarchistische, höfliche,
schüchterne Gesellschaft. Man grüßte einander höflich, wenn man sich auf der
Straße begegnete, machte sich kleine Geschenke. Wenn man redete, dann nur über
das Wetter. Keiner strebte nach Macht. Niemand wies den anderen zurecht. Nun,
niemand war übertrieben. Einige Lebensmüde und Lebensverzweifelte begaben sich
auf die Suicide by Rot-über-die-Ampel-Geher Mission. Aber ansonsten hielten
sich die Leute wirklich aus allem heraus, was Zorn erwecken könnte. Auch
machten sie keine Anschaffungen, die den Neid hätten anstacheln können. So
hielt Ruhe und Stillstand Einzug.


Wenn ihnen keiner den Tod gewünscht hat, leben die Leute
heute noch glücklich, unauffällig und hochparanoid in ihrem mittelgroßen
Ex-Staat.





















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Samstag, 2. Februar 2013, 07:26

Die gute Fee kommt...


Hans Beislschmidt

Administrator

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Wohnort: Saarbrücken

Beruf: selbstständig

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3

Samstag, 2. Februar 2013, 12:27

Hey Streusalzwiese,

eine interessante Geschichte - das Totwünschen als Metapher für den allumsorgenden Staat, der sich im Verfügungswahn so lange in alles einmischt, bis der letzte Raucher, Trinker, Fettleibige im nichtssagenden Mainstream mitschwimmt? Die Lebens-StVo mit Flensburger Kartei? Das Eliminieren aller „schlechten“ Eigenschaften bis zur allumfassenden Langeweile?

Gruß vom Hans

4

Samstag, 2. Februar 2013, 18:14

Hallo Hans,
an Metaphern dachte ich nicht bei dieser Geschichte. Ist aber eine interessante Interpretation.
Die zunehmenden Reglementierungen und der Ausbau der Überwachung stören mich auch.

Grüße von Hans-Hubert

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