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Doro

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1

Montag, 23. Juli 2018, 13:21

Von den großen Dichtern lernen

Hallo zusammen,

wer zu schreiben versucht, darf sich immer wiedert inspirieren lassen von den ganz großen Vorbildern. Daher denke ich, es könnte eine Idee sein, wenn wir hier einen Ort etablieren, an dem jeder ein Gedicht oder einen Dichter, eine Dichterin seiner Wahl vorstellen kann. Es könnte sein, dass dabei auch viel Neues auftaucht, dass nicht jedem Forenmitglied bekannt ist.

Den Anfang möchte ich machen mit einer Dichterin, die ich erst vor zwei Jahren kennenglernt habe, Christine Lavant. In so extremer Armut und Krankheit aufgewachsen, wie es sich kaum jemand vorstellen kann, hat sie sich ohne nennenswerte Schulbildung autodidaktisch gebildet, indem sie sich z.B. durch die örtliche Bibliothek hindurch gelesen hat. Als sie Rilke für sich entdeckte, gewann ihr Drang zu schreiben große Intensität und Produktivität. Ihre Metaphern und Einfälle sind unglaublich kreativ, ihr poetisches Können meisterlich. Es fällt mir schwer aus einer Fülle großartiger Gedichte nur eines auszuwählen.

Beschwörung


Und stürbe ich am Rande einer Straße,
wie Hunde sterben, abgehetzt und einsam,
mit keiner Kreatur gemeinsam,
von nichts betreut als vom verstaubten Grase
und ein paar unscheinbaren Tropfen Tau; -
und würde alles mir schon fremd und ungenau,
der Wald, die Straße und die kahlen Bäume,
dann kämen alle armen Träume
scheu zu mir her und böten sich zur Wacht
und hielten aus der angebrauchten Nacht
dein Angesicht mir noch einmal entgegen ...
Dies Angesicht, das sich mir nie gewährte
und welches doch als lichter Trostgefährte
und wie ein göttlich zugedachter Segen,
den ich als Gnade feierlich empfing,
durch meines Lebens bittre Armut ging.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Doro« (22. August 2018, 13:42)


2

Mittwoch, 25. Juli 2018, 06:40

Klaus Johann Groth ist einer der bekanntesten niederdeutschen Lyriker und Schriftsteller. Er gilt gemeinsam mit Fritz Reuter als einer der Begründer der neueren niederdeutschen Literatur. Wikipedia
Geboren: 24. April 1819, Heide
Gestorben: 1. Juni 1899, Kiel
Quelle: Wikipedia.



Min Jehann

Ik wull, wi weern noch kleen, Jehann,
Do weer de Welt so grot!
Wi seten op den Steen, Jehann,
Weest noch? bi Nawers Sot.[2]
An Heben seil de stille Maan,
Wi segen, wa he leep,
Un snacken, wa de Himmel hoch
Un wa de Sot wul deep.
Weest noch, wa still dat weer, Jehann?
Dar röhr keen Blatt an Bom.
So is dat nu ni mehr, Jehann,
As höchstens noch in Drom.
Och ne, wenn do de Scheper sung
Alleen, int wide Feld:
Ni wahr, Jehann? dat weer en Ton!
De eenzige op de Welt.
Mitünner inne Schummerntid
Denn ward mi so to Mod.
Denn löppt mi’t langs den Rügg so hitt,
As domals bi den Sot.
Denn dreih ik mi so hasti um,
As weer ik nich alleen:
Doch allens, wat ik finn, Jehann,
Dat is – ik sta un ween.

3

Mittwoch, 25. Juli 2018, 19:22

Matthias Claudius (Pseudonym Asmus, * 15. August 1740 in Reinfeld (Holstein); † 21. Januar 1815 in Hamburg) war ein deutscher Dichter und Journalist, bekannt als Lyriker mit volksliedhafter, intensiv empfundener Verskunst. Quelle: Wikipedia.




Der Mensch


Empfangen und genähret
vom Weibe wunderbar,
kömmt er und sieht und höret
und nimmt des Trugs nicht wahr;
gelüstet und begehret
und bringt sein Tränlein dar;
verachtet und verehret;
hat Freude und Gefahr;
glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
hält nichts und alles wahr;
erbauet und zerstöret
und quält sich immerdar;
schläft, wachet, wächst und zehret;
trägt braun und graues Haar,
und alles dieses währet,
wenn's hoch kommt, achtzig Jahr.
Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder,
und er kömmt nimmer wieder.

(1783)

Doro

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4

Donnerstag, 26. Juli 2018, 13:11

Erich Fried - ein politischer Lyriker

Erich Fried, ein österreichischer Lyriker, lebte von 1921 bis 1988. Er wirkte im Deutschland der Nachkriegszeit als politischer Dichter. Er hat aber auch berührend ehrliche Liebesgedichte verfasst.

Fast alles

Ich habe meine Lehrzeit
hinter mir
Ich lernte hören und sehen:
Fast alle Menschen taten
fast allen Menschen
fast alles

Und fast alle Menschen
denen fast alles angetan wurde
sagten dann
mit fast versagender Stimme
"Der Tag wird kommen

Der Tag an dem wir fast allen
fast alles antun werden
was sie uns angetan haben"
Ich hörte sie das selbst sagen
fast wörtlich

Und solange das
fast alles ist was sie wollen
oder fast alles
was sie wissen von dem was sie wollen
wird dieser Tag
von dem sie fast alle träumen
immer wieder nur fast kommen
nie ganz wirklich

5

Samstag, 28. Juli 2018, 03:33

Hans Theodor Woldsen Storm (* 14. September 1817 in Husum; † 4. Juli 1888 in Hanerau-Hademarschen) war ein deutscher Schriftsteller, der als Lyriker und als Autor von Novellen und Prosa des deutschen Realismus mit norddeutscher Prägung bedeutend war. Storm war studierter Jurist und arbeitete unter anderem als Rechtsanwalt und Richter.

Quelle: Wikipedia




Hyazinthen

Fern hallt Musik; doch hier ist stille Nacht,
Mit Schlummerduft anhauchen mich die Pflanzen.
Ich habe immer, immer dein gedacht;
Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen.

Es hört nicht auf, es rast ohn Unterlaß;
Die Kerzen brennen und die Geigen schreien,
Es teilen und es schließen sich die Reihen,
Und alle glühen; aber du bist blaß.

Und du mußt tanzen; fremde Arme schmiegen
Sich an dein Herz; o leide nicht Gewalt!
Ich seh dein weißes Kleid vorüberfliegen
Und deine leichte, zärtliche Gestalt. --

Und süßer strömend quillt der Duft der Nacht
Und träumerischer aus dem Kelch der Pflanzen.
Ich habe immer, immer dein gedacht;
Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen.

6

Sonntag, 5. August 2018, 06:36

Christian Otto Josef Wolfgang Morgenstern (* 6. Mai 1871 in München; † 31. März 1914 in Untermais, Tirol, Österreich-Ungarn) war ein deutscher Dichter, Schriftsteller und Übersetzer. Besondere Bekanntheit erreichte seine komische Lyrik, die jedoch nur einen Teil seines Werkes ausmacht.

Quelle: Wikipedia



Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: »Bitte, beuge mich!«
Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:
»Der Werwolf«, sprach der gute Mann,
»des Weswolfs, Genitiv sodann,
dem Wemwolf, Dativ, wie mans nennt,
den Wenwolf, – »damit hats ein End«.
Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
»Indessen«, bat er, »füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!«
Der Dorfschulmeister aber mußte
gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
Zwar Wölfe gäbs in großer Schar,
doch »Wer« gäbs nur im Singular.
Der Wolf erhob sich tränenblind –
er hatte ja doch Weib und Kind!!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

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7

Donnerstag, 16. August 2018, 14:51

Eine leider fast völlig in Vergessenheit geratene Dichterin möchte ich heute vorstellen: Getrud Kolmar (bürgerlicher Familienname Chodziesner). Sie lebte von 1894 bis 1943, geboren in Berlin. 1943 wurde sie im KZ Ausschwitz von den Nazis ermordet wegen ihrer Zugehörigkeit zum jüdischen Volk. Sie schrieb eine Lyrik, in der u.a. die Rolle des Weiblichen sehr stark gestaltet wurde. Ihre Lyrik verließ die klassischen Formen nicht, war aber in den alten poetischen Formen doch auf neue Art und Weise sehr expressiv.

Die Frau

Verschneites Feld. Ein Schlitten saust daher,
Und Schellenklingeln, Hufschlag, Peitschenhiebe. -
Die Föhre hüllt der weiße Mantel schwer
Wie eine süße, stille, reine Liebe.

Sie bebt um den, der sie berühren soll,
Will ihre Last dann tiefer, tiefer senken
Und leise ihm, ganz weich und demutsvoll,
Die großen Flocken wie ein Lächeln schenken.

8

Sonntag, 19. August 2018, 18:22

Rainer Maria Rilke (* 4. Dezember 1875 in Prag, Österreich-Ungarn; † 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont bei Montreux, Schweiz; eigentlich: René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke) war Lyriker deutscher Sprache. Mit seiner in den Neuen Gedichten vollendeten, von der bildenden Kunst beeinflussten Dinglyrik gilt er als einer der bedeutendsten Dichter der literarischen Moderne.
Quelle: Wikipedia



Der Panther
Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf — Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille —
und hört im Herzen auf zu sein.

September 1903

9

Montag, 3. September 2018, 14:05

Schiller, Friedrich von

Nänie

Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
Nicht die eherne Brust rührt es dem stygischen Zeus.
Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk.
Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt.
Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
Wann er am skäischen Tor fallend sein Schicksal erfüllt.
Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn.
Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt.
Auch ein Klagelied zu sein im Mund der Geliebten ist herrlich;
Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.

Chavali

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10

Dienstag, 4. September 2018, 09:15

Hallo ihr beiden,

interessant ist - ich weiß nicht, ob ihr es bemerkt habt - dass alle hier vorgestellten Gedichte Reimgedichte sind,
bis auf das von Erich Fried :D (naja und Schllers Nänie ;-))

Das heißt, die GROßEN Dichter schrieben in Reimform, was ja auch viel lyrischer und poetischer klingt als die
sogenannte *Freie Lyrik*.
Mag sein, dass es sie auch früher schon gab - bin keine studierte Literatin - aber Fakt ist, dass ihr selbst die Reimform
als Favoriten seht, denn nicht umsonst habt ihr dem Faden den Namen gegeben, den er hat ;)


Last but not least hier einer meiner Favoriten:

Theodor Storm



Die Stadt

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn Unterlaß;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.
Nicht was wir erleben, sondern wie wir es empfinden, macht unser Schicksal aus.
(Marie von Ebner-Eschenbach)

Doro

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11

Dienstag, 4. September 2018, 13:11

Hallo Chavali,

schön, dass Du auch etwas einbrinst in unsere Galerie der großen Gedichte. Dass bisher fast nur Gereimtes eingestellt wurde, ist, jedenfalls, was mich angeht, reiner Zufall.
Nun wird es aber Zeit eine Lanze zu brechen für die ganz Großen unter den Nichtreimenden.

Hilde Domin (1909 - 2006), eine jüdische Dichterin, die viele Jahre im Exil verbringen musste, ist für mich die größte detuschsprachige Dichterin. Ihre Metaphernkunst ist unglaublich erfindungsreich und kreativ, ihre Verse atmen immer einen besonderen Rhythmus.

Fürchte dich nicht

Die Rose sagt:
Fürchte dich nicht
meine Blüten sind heute
ganz stabil
Kein Windstoß wird mich
vor deinen Augen entblößen.

Der Baum
atmet Vertrauen
uund will daß ich mich anlehne.
Er sei bestimmt
nicht angehackt.

Das Vogelei
auf der Astgabel
hält das Versprechen
der kleinen weißen Balance.
Es ruht still im Wind
bis den bangen Augen im Dotter
ein Federbalg wächst,

der auf den Zweig fliegt
und singt.


Am liebsten hätte ich Domins Gedicht "Wen es trifft" hier eingestellt. Aber es ist zu lang. Etwas sprachlich Mächtigeres und Treffenderes über die Verbrechen, die Menschen aus politischen Gründen angetan wurden und werden, habe ich noch nicht gelesen. Auch darüber nicht, wie man dennoch ohne Hass bleiben kann.

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