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Montag, 20. August 2018, 18:27

Die goldene Armbanduhr

Uwe Johnson und Martin Walser mochten sich nicht. Trotzdem respektierten sie einander. Einmal trafen sich beide zu einem Freundschaftsessen in einem Frankfurter Restaurant. Bei der Gelegenheit führte Walser seine neue, goldene Armbanduhr vor. „Die war echt teuer!“

Johnson zündet sich seine Pfeife an, nimmt ein paar Züge, und sagt: „Echte Schönheit protzt nicht.“

„Da wäre ich vorsichtig“, sagt Walser und deutet auf Johnson, der wirklich kein Adonis ist.

Johnson wird feuerrot im Gesicht und will aufspringen, da zieht Walser flink die Uhr aus und reicht sie ihm: „Ich glaube, Dir steht sie besser!“

Johnson bleibt, nimmt die Uhr und mustert sie gereizt. Anschließend sagt er: „Wahre Schönheit kommt von innen.“ Und mit diesen Worten schmeißt er die Uhr quer durch das Restaurant.

Daraufhin verlässt Walser die Gaststätte, bemerkt aber noch: „Darum verlasse ich jetzt das Restaurant.“

Doro

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Dienstag, 21. August 2018, 16:22

Ist das überliefert, oder eine Erfindung? Falls es sich tatsächlich in der geschilderten Weise abgespielt haben sollte, finde ich das (von beiden) geradezu peinlich! Aber ein großer Künstler muss ja charakterlich kein großer Mensch sein.

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Dienstag, 21. August 2018, 16:55

Überliefert ist das Treffen im Restaurant und der Streit um die goldene Armbanduhr, ebenso, dass Johnson die Uhr quer durch das Restaurant geworfen hat. Wahr ist auch die Geschichte mit Handke und Bernhard, wenn auch nicht exakt so, wie ich geschrieben habe. Handke hat Reich-Ranicki nicht angerufen, er hat es ihm direkt gesagt. Bekannt ist ebenfalls nicht, was Reich-Ranicki geantwortet hat. Ginge es bei Anekdoten nur um die Faktizität, dürfte man keine schreiben. Aber selbst die ersten Anekdoten waren eine Mischung aus Realität und Fiktion. Auch wenn nicht immer alles so abgelaufen ist, wie ich es beschreibe, so wähle ich doch nur Menschen aus, die so gelebt und auch so gehandelt haben, dass ihr Verhalten in der Anekdote als Möglichkeit erscheint. Aus dem Grund ist es nicht egal, wer in einer Anekdote erwähnt wird, die Person muss zum Geschehen passen.

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