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Doro

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1

Samstag, 18. August 2018, 13:24

Nächte

Nächte sind mehr als Schatten,
die über den Tag sich neigen.
Sie wollen der rastlosen Reigen
fruchtlose Mühen begatten -
mit lichten Träumen – und zeigen,
woher sie Barmherzigkeit hatten

2

Samstag, 18. August 2018, 15:01

Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll. Nächte begatten fruchtlose Mühen ... Und dann mit lichten Träumen ... Und all das soll zeigen, woher sie ihre Barmherzigkeit nehmen.

Selbst wenn die Botschaft einfach ist, versteckt sie sich zu sehr hinter den Bildern.

Ich sage jetzt mal was, das zeigt, dass ich wenigstens etwas Ahnung von Poesie habe.

Wenn Nächte Mühen begatten, ist das ein Bildbruch, denn Nächte können nichts begatten. Bildbrüche werden in der Satire als Stilmittel verwendet, insofern müsste das hier ein satirischer Text sein. Um aber als Satire wirken zu können, müsste klar sein, auf was die Satire abzielt, also auf das Objekt, das kritisiert werden soll. Ein solches Objekt finde ich aber nicht. Klar, es geht um rastloses Reigen, aber das ist zu allgemein gehalten. Da könnte man auch ganz pauschal über Glück oder Unglück philosophieren.

Ich vermute, dass hier keine Satire gemeint ist. Aber was dann?

Tut mir leid, ich komme nur weiter, wenn ich mich an Deine vorherigen Texte erinnere. Du schreibst oft über Kranke. Ich kann nur raten, dass es um Kranke geht, die sich nachts quälen, weil sie Schmerzen haben. Und die Träume beziehen sich auf ihr früheres Leben, als sie noch gesund waren.

Ok, das ist keine Interpretation, wie sie in der Schule gelehrt wird, wahrscheinlich habe ich das Thema verfehlt. Aber ich sehe nirgends einen Anhaltspunkt, der mir erklären könnte, was genau Du meinst.

Mag sein, dass Dein Gedicht perfekt ist, aber ich verstehe es nicht.

Doro

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3

Sonntag, 19. August 2018, 11:41

Vielen Dank für Deine kritische Rückmeldung.

Zitat

Selbst wenn die Botschaft einfach ist, versteckt sie sich zu sehr hinter den Bildern.
Außerdem erwähnst Du den Bildbruch.
Dass Bilder, Metaphern sich nicht direkt einem Leser erschließen, kommt in der Lyrik häufiger vor. Mir geht es z.B. mit etlichen Gedichten von Paul Celan so. Sollen "Geheimnisse" in den Gedichten daher vermieden werden, damit sie für jeden verständlich sind? Das ist ein legitimer Standpunkt, und obwohl ich häufig versuche sehr schlicht und nicht kryptisch zu schreiben, ist es dennoch nicht der meine.
Worte haben unabhängig von dem, auf das sie verweisen, noch eine weitere, tiefe Schicht, die über das Bezeichnete hinausweist. Damit zu "spielen" macht einen großen Reiz in der Lyrik aus, für den Autor wie für den Leser.
"Nacht" ist so ein Wort mit einer ungeheuren Tiefe, ist ein vielschichtiges Symbol nicht nur in unserer Kultur, sondern in der gesamten Menschheit. Nacht, das Fehlen von Licht, das Betreten einer Schatten- und Traumwelt, das Entschwinden der bewussten Kontrolle durch Vernunft und Normen, die Pause, die uns aus dem Hamsterrad des Alltäglichen entlässt, aus dem Zugriff der Verzweckung nimmt.
Insofern sind die Nächte "barmherzig".
"Begatten" ist hier ein bewusst provokativ gewähltes Reimwort, aber nicht als satirischer Bildbruch gemeint. "Begatten" kann als "Befruchten" verstanden werden, außerdem bringt es die erotische Dimension von "Nacht" ins Spiel. Der Tag legt den homo oeconomicus auf Kriterien von Leistung, Kosten und Nutzen fest. Für viele existentielle Kriterien des Menschseins ist das "unfruchtbar", einengend, entfremdend. Dieses Einengende soll geprengt werden, das Sein wird "befruchtet", durch andere Attribute der Existenz, für welche die Nacht ein Symbol ist.
"Lichte Träume" sind die Metapher für eine Alternative zur Verzweckung des Menschseins. Die Nächte wollen zeigen, "woher sie Barmherzigkeit hatten". Es liegt in dem geistigen Potential der Nacht also etwas, das über das Faktische hinausweist auf eine Quelle der Barmherzigkeit, die den menschlichen Verzweckungstendenzen entgegensteht.
Das sind die Ideen, Assoziationen, die hinter dem kleinen Text stehen. Aber es ist wohl so, dass mein Spielen mit den Worten das alles nicht brilliant genug durchscheinen lässt.

4

Sonntag, 19. August 2018, 18:34

Ich sage mal meinen Standpunkt: Wenn jemand kryptisch schreibt, kann das - in einer Diktatur etwa - sinnvoll sein. Weil man sich vor Strafen schützen muss. Aber in einer Demokratie?

Soweit ich weiß, hat Celan den Bildbruch eingesetzt, weil er über die "Brüche" des Lebens geschrieben hat (Tod, Vertreibung, Vergasung, Heimatlosigkeit). Das hat was Gewaltsames und da kann ich verstehen, dass jemand Bilder bricht, weil er so die Gewalt, die dahinter steht, besser darstellen kann. Zwar dienen Bildbrüche - in der Satire - als komische Effekte, aber man kann auch Bildbrüche verwenden, ohne satirische Absicht. Aus dem Grund habe ich geschwankt, ob der Text Satire ist oder nicht.

Ja, das Spiel mit Worten kann ich nachvollziehen. Christian Morgenstern hat das mit Vorliebe getan. Man denke an sein Mondkalb. Das Spiel mit Worten kann lustig sein oder tiefgründig. Ich kann nicht sagen, ob das Gedicht gut oder schlecht ist, weil es sich meinen Fähigkeiten als Leser und Autor entzieht.

Ist das jetzt gut oder schlecht? Ich wünschte, ich hätte von Poesie mehr Ahnung. Vielleicht kommt das irgendwann noch ...

Doro

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5

Dienstag, 21. August 2018, 16:11

Hallo Wolfgang,
damit kann ich gut umgehen, dass Dir der Text zu kryptisch erscheint und die Bilder bei Dir nicht "ankommen" wollen. Danke für Deine ehrliche Rückmeldung!
Ich halte dieses Gedicht auch nicht für eines meiner besten, es ist eher ein Experiment.
Schönen Abend noch, Doro.

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