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Doro

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1

Donnerstag, 19. Juli 2018, 13:16

Anima Dekubita

Wenn dein Tod dich nicht fällt
wie einen Baum
in stürmischer Nacht,
dann kommt es dahin,
dass die Stunden sich stauen
über deiner Decke
zu peinvollem Druck.

Nur Karge Zäsuren
im Malstrom der Zeit
hat die Kostenplanung
vorgesehen:
Grundpflege, Umlagern,
Essen verabreichen,
Windeln wechseln.

Tod herrschte dann, fände sich nichts
in deinem Geist,
kein Traum, keine Vision,
und keine Bilder
gelebter Liebe,
um sie der fressenden Leere
entgegenzusetzen.

2

Samstag, 21. Juli 2018, 02:49

Mir fällt auf, dass das Gedicht realistisch bleibt. "Malstrom der Zeit" und Die "fressende Leere" sind natürlich pathetisch, da es aber um einen Bekannten geht, erklärt sich das ausreichend. Ich vermute das ist als Kontrast zum Banalen des Sterbealltags gemeint. Der lateinische Titel klingt aber hochgestochen: Wenn die Seele sich (zum Sterben) niederlegt.

Sterben ist selten "schön". Vor allem, wenn man die Kontrolle über seinen Körper verliert und die Körperfunktionen sich verselbständigen. Ich kann mir vorstellen, dass manche Angehörige oder Dichter deshalb etwas Heroisches ins Sterben hinein interpretieren.

Doro

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3

Samstag, 21. Juli 2018, 11:44

Herzlichen Dank für den ausführlichen Kommentar. Ich bin dankbar für eine Antwort, für die Du Dir eigens etwas Zeit genommen hast. Das tun ja nicht viele.

Zunächst zur Überschrift. Dahinter steckt ja ein Wortspiel; dekubitus ist der medizinische Terminus für ein Druckgeschwür, das oft bei sehr langer Bettlägerigkeit auftritt, das sogenannte "Wundliegen". "Anima Dekubita" ist also die wundgelegene Seele. Im Lateinischen, mit den vielen A-Ton-Silben, klingt das einfach besser.

Insgesamt schildert der Text die Pflegesituation, in der zwar "Grundpflege, Umlagern, ..." garantiert ist, aber nicht genug Zuwendung gegen die Einsamkeit, tröstende Nähe gegen das Leiden möglich ist. Die "fressende Leere" ist hier nicht pathetisch gemeint, sondern soll eine bedrückendende Wirklichkeit ohne Beschönigung mit Hilfe einer Metapher beschreiben.

Stelle Dir einen Menschen vor, der das Bett nicht mehr verlassen kann, aber geistig noch wach ist, keinerlei Besuch erhält und dessen menschliche Kontakte auf das pflegerisch Notwendige beschränkt sind.

Das Gedicht ist also der Versuch eines Protestes gegen eine Pflege, die sich zwar um den körperlichen dekubitus kümmert, aber um den seelischen nicht.

Freundliche Grüße, Doro.

4

Montag, 23. Juli 2018, 19:03

Danke für die ausführlich Antwort. Mir fällt auf, dass ich ohne die lateinische Hilfe nicht auf die Lösung gekommen wäre. Ich kann mir vorstellen, dass es einige Leser gibt, die einfach die Überschrift ignorieren. Das ist natürlich schade. Ich plädiere aber dafür, die Überschrift so zu lassen, wie sie ist.

Doro

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5

Montag, 23. Juli 2018, 19:26

Danke für die Antwort; schön, dass wir einen gemeinsamen Blickpunkt gewinnen konnten.

Freundliche Grüße, Doro.