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Montag, 26. März 2018, 11:20

Der Floh im Ohr

Seit jeher galt der Teufel als furchteinflößend: Sein Schwefelgeruch wehte ihm voraus und schüchterte jeden ein; doch spätestens wenn man ihn sah, mit den Hörnern auf dem Kopf und seinen Dreizack, ergriff ein Jeder sofort die Flucht. Und das hatte seinen berechtigten Grund. Diesen Grund erfuhr ich, als ich ihn zufällig traf. Es war im Stadtpark, wo ich auf einer Bank saß und die Frühlingssonne genoss. Er setzte sich zu mir, seufzte und meinte: „Der Frühling betrübt mich. Meine Zeit beginnt im Herbst, wo alle Trübsal blasen.“

Der Grund dafür interessierte mich null, doch als höflicher Mensch fragte ich mit geheuchelter Anteilnahme: „Wieso?“

„Da ist es schwerer, den Leuten einzureden, dass es mich gibt und dass ich groß und schrecklich bin.“

Ich sah ihn an und musste lachen. Betroffen senkte er den Kopf „Heute ist nicht mein Tag. Niemand fürchtet sich vor mir.“

Ich sah ihn genauer an und fragte jetzt ernsthaft-neugierig: „Ansonsten fürchten sich die Leute?“

„Wenn ich es ihnen oft und lange einrede.“

Ich nickte. „Klar, musst Du ihnen einreden, dass du furchteinflößend bist. Stimmen wenigstens die anderen Geschichten über dich?“

Er seufzte. „Alles geschwindelt. Ich wohne in der Kanalisation.“

Ich musste lachen. „Die Hölle ist eine Kanalisation?“

Er nickte. „Hölle und Schwefel klingen besser, als Kanalisation und Gestank von Unrat.“

„Und wie war das mit Gott?“

„Ja, das stimmt. Der hat mich damals aus dem Himmel geworfen.“

„Als Engel?“

Er stöhnte: „Schau ich aus wie ein Engel?“

Ich musste erneut lachen. Irgendwie war mir der Teufel sympathisch.

Da wurde er plötzlich ernst: „Kennst Du den Spruch vom Floh im Ohr?“

Ich nickte.

„Den Spruch habe ich erfunden.“

„Das also ist die Höllenqual? Man hat einen Floh im Ohr, den man nicht los wird?“

Er nickte.

„Macht Sinn, dass Gott dich aus dem Himmel geworfen hat.“

„Zum Glück sind nicht alle Menschen wie Gott.“

„Das ist deutlich genug“, sagte ich, stand abrupt auf und rannte weg; als ich weit genug war, blieb ich stehen und drehte mich um. Ich sah, dass er mich verfolgt hatte, aber ich war schneller gewesen.

Heute ist wirklich nicht sein Tag, dachte ich. Aber schlau war er schon, der Teufel. Jeder erwartete ein Untier mit Hörnern und Bockfuß – doch stattdessen kam ein Floh.

Mir aber hatte er sich nicht ins Ohr gesetzt. Diese Begegnung war mir eine Mahnung: Niemals durfte ich auf schlechte Tage des Teufels vertrauen. Stattdessen würde ich beachten, dass mir kein Floh ins Ohr geriete.

Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von »Wolfgang« (26. März 2018, 11:26)


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Samstag, 23. Juni 2018, 13:05

Ein teuflischer Tinitus

Der Floh im Ohr, ein teuflischer Tinitus, den man nicht los wird und der zu allem stets nur negativ Makabres zu bemerken hat. Herabsetzendes, Destruktives, Spöttisches ohne jede Ausnahme. Das ist wahrlich eine höllische Lebensmusik und kann zu keiner wirklichen Beziehung befähigen. Ein gelungenes Gleichnis über den Teufel, der auch heute nicht als allzu harmlos eingestuft werden sollte.
Wenn ich mir die lebens- und fremdenfeindlichen Äußerungen mancher Zeitgebossen anhöre, scheint mir, sie haben sich den teuflischen Tinitus schon eingefangen.
Gern gelesen.
Gruß, Doro.

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Mittwoch, 27. Juni 2018, 21:05

Man kann dem Teufel aus dem Weg gehen. Schon in der Bibel heißt es, dass er einen überredet. Der Teufel hat also nur dann Macht, wenn man sie ihm gibt. So ist es oft im Leben: man lässt andere gewähren und die bereiten einem anschließend die Hölle.

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