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Montag, 26. März 2018, 22:36

Von Steinen und Lachsen

Auf der Fähre knallt die Märzsonne in mein Auto, mir wird plötzlich sehr warm. Ich kenne den Fluss an dieser Stelle und seine Ufer. Und ich denke an Dich und an uns und an die toten Steine der Stadt, auf der anderen Seite.

Der Parkplatz hat Pfützen, ich sehe den Mann der mich erwartet, steige aus meinem Wagen, mache einen Ausfallschritt über das Minigewässer und stehe einem gutaussehenden Fremden gegenüber. Er zieht ein Parkticket für mich und erzählt von einem Biergarten, hinter den historischen Mauern. Wir gehen nebeneinander durch einen Torbogen, er steuert das Café an, ich denke, dass ich hier schon einmal war. Alles wie damals, der Innenhof, die Holzbestuhlung, Kissen und Decken und Heizpilze gegen die Schatten. Ringsherum eine bemooste Mauer, zu hoch um darüberhinaus zu blicken. Zu hoch für mich, ich befühle das Moos, es ist seltsam trocken. Die Sonne bleibt hinter irgendwelchen Dächern hängen und ich friere, der Wind ist arktisch.
Mein unbekanntes Gegenüber schwärmt von einem Tee mit frischen Minzblättern und ich denke an Ingwer und an Dich und bestelle. Der Mann spricht mit mir, lächelt mich an; ich weiß nicht, ob ich lächle und sehe drei Hunde, einer in einem Anhänger, alt und gut zugedeckt und werde melancholisch.

Meine Gedanken bringen mich vier Jahre zurück, in einen September, als wir hier saßen und es keine Sterne gab die mit uns zogen, und Waffeln aßen die nicht schmeckten, ein Sonntag, eine ewig dauernde Psychose und daran, dass alles den Bach runter ging oder den Rhein und ich auch.

Ich lasse mir eine zweite Decke geben, mir ist eiskalt, wie dem Ingwer, der sich unter den Minzblättern wärmt. Mit den Decken komme ich mir vor wie eine Indianerin, fehlt nur noch das Zelt vor dem ich hocke.
Wir reden über etwas, der Fremde Mann und ich. Er guckt mich dauernd an, ich ahne bereits worauf es hinausläuft.
Endlich stehen wir auf. Ein Stück laufen, auf altem Pflaster und später möchte er mich zum Essen einladen.

Ich habe Schmerzen, mir tut alles weh und mein Herz kotzt und die Kälte macht mich starr, aber ich gehe weiter. Der Mann versucht mich immer wieder zu berühren, mit Worten oder seinem Körper, ich weiche aus. Wir reden mit einem älteren Paar. Hahaha über nichts, über irgendwas, ich weiß es nicht und zerbreche ein Stöckchen in meiner Hand. Über mir hängt Jesus an einem steinernen Kreuz, über ihm hängt der Himmel blau, jederzeit bereit ihn einzulassen.
Der neben mir wird nicht müde durch Gassen zu laufen, mir ist langweilig, ich sage nicht mehr viel, konzentriert darauf nicht zusammenzubrechen, vor Schmerz und Herzkotze.

Endlich ist da ein Restaurant, der Mann ist nett und hilft mir aus meinem Mantel. Wir sitzen am Tisch, ich glotze in die Karte. Mir ist ganz egal was es hier gibt, für mich ist sowieso nichts drin. Ich will nicht unhöflich sein und bestelle eine Vorspeise und eine Fanta. Er trinkt Rotwein zur Schlachtplatte, mir ist übel. Ich gehe zur Toilette und bleibe vor dem Spiegel stehen, nur weil ich mich davon überzeugen muss, dass ich noch da bin, dass es mich gibt. Ich wasche mir die Hände und gehe zurück zu meinem Platz, der nicht mein Platz ist. Flecken auf dem Polster der Bank springen mir entgegen.
Er sieht mich an, ständig sucht er meinen Blick, sucht irgendetwas von mir, ich suche mich.
Der Fremdgebliebene bezahlt das Essen; will mich wiedersehen, am Besten erst gar nicht aus den Augen verlieren. Ich will tot sein. Ohne ihn.

Auf der Fähre färbt die fallende Sonne den Himmel über dem Rhein rot und alles könnte so schön sein. Ich kenne den Fluss an dieser Stelle und seine Ufer. Ich denke an Dich und an uns und an den toten Stein in meiner Brust.
Auf der anderen Seite, meiner Seite fahre ich vorbei an verpilzten Bäumen und dann gegen den Strom, flussaufwärts, den Lachsen gleich.

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Dienstag, 27. März 2018, 17:28

Gut erzählt.

Beiträge: 19

Wohnort: Burglengenfeld

Beruf: SAP Consultant ABAP Development,aber jetzt im Ruhestand

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Dienstag, 19. Juni 2018, 13:26

Sehr eindringlicher Text, der die existientiell bedrängende Situation der Protagonistin glaubwürdig schildert. Gefällt mir sehr gut, bis auf "Herzkotze", aber das ist wohl meiner gutbürgerlichen Erziehung geschuldet.
Gruß, Dorothea

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