Sie sind nicht angemeldet.

Doro

Fortgeschrittener

  • »Doro« ist der Autor dieses Themas

Beiträge: 304

Wohnort: Burglengenfeld

Beruf: SAP Consultant ABAP Development,aber jetzt im Ruhestand

  • Nachricht senden

1

Dienstag, 19. Juni 2018, 09:44

Reden ist Silber, Zuhören Gold

Den Weg zum Bahnhof genoss er immer. Im jahreszeitlich
passenden Outfit, jedoch nicht im Freizeitlook, unterschied er sich schon auf
den ersten Blick von den flippigen Unterwegslern, die nie gelernt hatten, dass
Aussehen und Auftreten unmittelbar zum Erfolg beitragen. „Kleider machen
Leute“, hatten sie wohl nie gehört, und erst recht nicht gelesen.

Unterwegs hatte er viel mehr Zeit als früher, die
vorbeigleitende Landschaft zu bewundern. Die Tische waren wegen der
Stromanschlüsse für Laptops allerdings immer besetzt. Schade, dort saß er
besonders gern, wenn es sich einrichten ließ. Seine Mitreisenden, um diese Zeit
meistens Pendler, diskutierten bevorstehende Sitzungen, Projekte, oder den
letzten Ärger in der Abteilung. Wer es sich leisten konnte, tat nichts, las die
schreienden Schlagzeilen jener Zeitung, die angeblich keiner liest, oder holte
noch etwas Schlaf nach. Es geschah fast nie, dass er in ein Gespräch verwickelt
wurde. Allerdings musste er viele mit anhören, ob er wollte oder nicht, denn
Handytelefonierer machten den öffentlichen Zug einfach zu ihrem Wohnzimmer oder
ihrem Büro, und er musste darin Platz nehmen und das Weghören üben.

Am Zielbahnhof dann die bewährte Prozedur, Kleider
wechseln und die guten Stücke in einem Schließfach verstauen. In seiner
Reisekleidung würde er auf keinen grünen Zweig kommen. Was er jetzt trug, hatte
sich bewährt. Gute, etwas altmodische Stücke, nicht zu verschlissen und auf
keinen Fall schmutzig. Eine Garderobe, die ihren Träger als solide auswies, als
jemanden, der schon bessere Tage gesehen hatte. Das Schild mit der Aufschrift
„Nehme jede Arbeit an!“ schützte ihn vor gewissen Pöbeleien.

Es war inzwischen so gut wie sicher, dass ihm keiner
einen Job antragen würde. Die städtischen Parks, Plätze und Wege wurden von
früheren Sozialhilfeempfängern gepflegt. Bei der Sperrmüllverwertung, der öffentlichen
Kurierdienstvermittlung und dem kirchlich organisierten Einkaufsdienst für Senioren
wurden die Schulabgänger beschäftigt, die keine Chance auf eine Lehrstelle
hatten. Um in den Biergärten, Bars und Restaurants der Innenstadt jobben zu
dürfen, musste man die Umgangsformen eines angehenden Diplomaten haben und
mindestens zwei Fremdsprachen sprechen. Kellnern war inzwischen die Domäne der
arbeitlosen Akademiker geworden, die in den Nachhilfezentren und Paukstudios
keine Arbeit gefunden hatten und aus der akademischen Kaderschmiede schon lange
aussortiert waren.

Arbeiten in Fabriken waren weitestgehend automatisiert
oder in Billiglohnländer verlagert worden. Von der Einfuhr billiger
Arbeitskräfte aus Osteuropa musste man allerdings wieder Abstand nehmen wegen
des hohen Integrationsaufwandes und dem öffentlichen Unmut rechtsdrehender
Bevölkerungskreise.

An den Fließbändern und Maschinen in modernen Fabriken wurden
nur noch einige Spezialisten zur Überwachung und Steuerung der Abläufe
benötigt, Nur wenige Unternehmen produzierten noch mit Handlangern an teuren
Maschinen, Mitarbeitern, die überraschend ausfallen könnten oder ungeplant
freie Tage einfordern. Der Wartungszyklus von Robotern war exakt planbar und
garantierte eine optimale Kapazitätsauslastung. Im Störungsfalle stand eine
Reservearmee von freiberuflich arbeitenden Fachleuten in der Warteschleife, um
schnelle Abhilfe zu garantieren ohne ganzjährig das Firmenbudget zu belasten.

Nein, mit einem Arbeitsangebot rechnete er nicht. Das
war in seinem Alter ungefähr so wahrscheinlich wie die Wahl einer Frau zur
Päpstin.

Auf die Auswahl seines Arbeitsplatzes verwendete er stets
die größte Sorgfalt. Ein großer, nicht zu weitläufiger Platz mit schicken
Geschäften und Bars war geeignet, falls noch keine Straßenmusiker dort waren.
Seit zunehmend Berufsmusiker ohne Engagement diese Profession wählten, war es
sinnlos geworden, dass er seine Guitarre mitnahm. Neben Musizierenden aber gab
es für ihn nichts mehr zu verdienen, denn seine Arbeit wurde dann zum Betteln
herabgestuft.

Auch neben den gut geschulten Kräften aus Osteuropa
fühlte er sich nicht wohl. Mit eingeübter Demutsgebärde appellierten diese an
Verhaltensmuster, die aus dem Gefühl der Scham und der Schuld gespeist werden,
und hatten erstaunlicherweise immer noch einen gewissen Erfolg damit.

Es war für ihn enorm wichtig zu wissen, ob er an dem
ausgewählten Ort schon einmal tätig war und in welcher Rolle. Denn
ausgeschlossen war es nicht, dass ihn jemand wieder erkennen würde, und dann
dürften sich keine Widersprüche ergeben.

Finanzmakler machten mit heillosen Versprechungen ihr
Geschäft, weltweite Konzerne betrogen den Fiskus mit Briefkastenfirmen um
horrende Beträge, und durften dennoch im Krisenfalle auf staatliche Rettung
hoffen. Doch seine Kunden brauchten den Eindruck, dass sie einem Würdigen ihre
Zuwendung schenkten, einem der ihren, der unschuldig unter die Räder gekommen
war. So käme ihre Spende hundertprozentig an statt in fernen Ländern zu
versanden.

Seine Geschäftsidee war eine ungewöhnliche Form der
Bitte um eine Subvention. „Arbeitsloser … bittet um eine Unterstützung oder ein
gutes Wort“. Die Gelegenheit Jemanden belehren zu dürfen, die Maximen des
eigenen Erfolgs zu propagieren, oder einfach nur das Erlebnis zu den Guten zu
gehören, war immer wieder für einige seiner Mitmenschen zu verführerisch. Stets
fanden sich welche, das gute Wort, das ohnehin nichts kostet, zu spenden. Dann
kam es nur noch darauf an, aus dem schnell hin geworfenen Wort ein Gespräch zu
entwickeln, das sich unmerklich verlagerte, so dass schließlich der Spender zum
Empfänger wurde, der Bittende zum einfühlsamen Zuhörer.

Fast immer gab es dann doch noch eine Münze oder gar
einen Geldschein für eine, wie ich finde, redlich erbrachte Leistung. Wer hat
je erlebt, dass ein Arzt mehr als fünf Minuten vor seinem Patienten sitzt und
mehr als das Nötige redet? Gehen Sie ins Krankenhaus oder ins Pflegeheim und
ermitteln Sie die Gesprächszeiten, die dort den Insassen gewährt werden. Sie
werden erschüttert sein, falls ihre Recherchen die Wirklichkeit erfassen. Selbst
im Beichtstuhl kann es geschehen, dass Sie eine Standardabfertigung in drei
Minuten erleben.

Bei ihm gab es keine Eile. Intensives Zuhören ohne
bewertende Kommentare, wertschätzende Bemerkungen an den passenden Stellen,
Nachfragen ohne die Haltung des Voyeurs, sondern aus dem Habitus echten
Anteilnehmens, ist eine so rare Form der Kommunikation geworden, eine echte
Marktlücke, die er zu nutzen wusste.

Ähnliche Themen