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Dienstag, 28. November 2017, 16:25

Meine Nachbarin, eine Ratte und ich

Meine Nachbarin wieder! Aufgeregt klingelte und polterte sie an meiner Haustür. Ich öffnete.

„Eine Ratte! Eine Ratte!“

Sie hielt ihren Pinscher im linken Arm und fuchtelte wild mit der anderen Hand.

„Ich stimme Ihnen zu, allgemein gelten aber Pinscher als Hunde!“

Sie schüttelte verärgert den Kopf: „Doch nicht mein Frodolein. Bei mir in der Wohnung ist ein Untier, ein Monster, eine Ratte!“

Ich wusste, dass mit meiner Nachbarin nicht gut diskutieren war, sie hatte so eine Art an sich, die ich nur als natürliche Autorität bezeichnen konnte. Selbst wenn man anderer Ansicht war oder einfach keine Zeit hatte, gab man nach. Sie zog und zerrte an einem oder veranstaltete ein wildes Geschrei, bis man jeden Widerstand aufgab.

„Na gut“, sagte ich, „dann rufen Sie den Kammerjäger.“

„Mach ich doch!“ Dabei hellte sich ihr Gesicht auf und sie zeigte auf meinen Kater, der eben aus dem Korb geschlichen kam und sich an meinen Beinen rieb, was er immer tat, wenn er Streicheleien oder Fressen haben wollte.

Ich verstand sofort und nickte. „Wenn einer Ihr Problem lösen kann, dann er!“

Mit dem Kater auf dem Arm folgte ich meiner Nachbarin in ihre Wohnung. Ihr Frodo kläffte sogleich, während mein Friedolin gähnte.

„Lassen Sie ihn los. Das wird sein Festessen!“

Also setzte ich Friedolin auf den Teppich und vertraute auf seine Urinstinkte, die ihn zur Rattenjagd motivieren würden.

Friedolin aber setzte sich zu meinen Füßen und blickte zu uns beiden hoch. Ich betete innerlich, dass er sich wenigstens einmal in seinem Sofa-und-Whiskas-Leben nützlich machen würde; tief in mir, da ahnte, ja da wusste ich, das war so wahrscheinlich, wie die Möglichkeit, mit der Nachbarin vernünftig zu streiten.

Ihr Frodo allerdings knurrte und kläffte die ganze Zeit über und endlich hielt er es nicht mehr aus und sprang der Nachbarin vom Arm.

Ich zuckte leicht, da ich mich an eine Geschichte erinnerte, die mit meinem großen Zehen und seinen Zähnen zu tun gehabt hatte und für mich sehr unschön verlaufen war.

Zu meinem Glück lockte ihn keiner meiner Zehen. Stattdessen flitzte er über den Flur in die Küche, die rechter Hand lag. Ich atmete erleichtert auf.

„Ja was ist denn das?“, fragte mich plötzlich die Nachbarin erstaunt.

Ich zuckte die Achseln. „Ein Pups kann jedem mal unterlaufen!“

Sie verzog ihr Gesicht: „Nicht das, das bin ich von Ihnen gewohnt. Entweder haben Sie die Pupserei von Ihrem Kater, oder er hat die Pupserei von Ihnen. Was ich meinte, ist, warum Ihr Kater auf seiner faulen Haut liegt?“

Ich fühlte, wie innerlich meine Hoffnungen wie Seifenblasen zerplatzen. Während der Pinscher sein Jagdglück versuchte, lag mein Friedolin auf allen Vieren und trug dabei seinen verklärten Katzenblick zur Schau, als weile er in einem fernen Katzenland – vielleicht bei einer feschen Katzen-Dame?

Kaum hatte ich den Gedanken zu Ende gebracht, erschien Frodo im Gang. Den Kopf reckte er stolz in die Höhe und im Maul trug er jenes Monster, jenes Untier, das meine Nachbarin so erschreckt hatte.

„Ja komm – Frodolein!“, sagte sie mit Honig in der Stimme und beugte sich zu ihm.

Frodo folgte und legte Ihr die Ratte zu Füßen, wofür er gestreichelt wurde.

Und Friedolin? Er gähnte und drehte sich auf den Rücken, eine Aufforderung zum Streicheln.

„Warum haben Sie noch mal einen Kater?“

Ich zog die Augenbrauen hoch und schwieg zerknirscht. Dieses Monster von Nachbarin hatte so eine Art, die mich zur Weißglut trieb, aber diesmal war sie ausnahmsweise im Recht.

Und Ihr Frodo sah uns glücklich an und wedelte mit dem Schwanz. Wäre die Sache mit dem Zeh nicht gewesen, hätte ich ihn gestreichelt.

Stattdessen nahm ich Friedolin in den Arm und verabschiedete mich.

Wieder in den eigenen vier Wänden dachte ich über meinen Kater nach.

Ich hätte es besser wissen müssen. Doch wie heißt es: Schein, dein Name ist Katze!

Darum besaß meine Nachbarin einen Hund.

Bei diesem Gedanken musste ich lachen. So war sie halt - meine Nachbarin.

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