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  • »Rolf Ronck« ist der Autor dieses Themas

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Sonntag, 28. Mai 2017, 13:43

El Loco - 2. Teil

Teil 2

Am Tage seines Einzuges fraß er als Erstes den Kühlschrank seiner Alten leer. Er hatte schließlich seit Ewigkeiten nichts Richtiges mehr in den Magen bekommen, und danach schlief er zwölf Stunden am Stück. Drei Wochen später unterschrieb er bei einer Zeitarbeitsfirma einen befristeten Arbeitsvertrag.
„Sobald wir eine Stelle für Sie als Elektriker haben, werden Sie in Ihrem Beruf eingesetzt“, erklärte ihm der Disponent und fragte nach Hackers Schuhgröße.
"Einundvierzig"
„Zunächst aber benötigen wir Ihre Arbeitskraft als Lagerarbeiter in der Schokoladenfabrik Valery & Blanc, wo sie morgen früh um sieben anfangen werden.“
Hacker krächzte: „Äh…ja, natürlich, geht klar..“
Der Disponent kramte in einem Wandschrank und drückte Hacker einen Karton mit Arbeitsschuhen in die Hand. „Die müssten passen“.
Hacker schaute sich die Treter nicht mal an. Er wollte nur schnell weg. Er warf seine Kopie des Arbeitsvertrages in die Schuhschachtel, klemmte diese unter den Arm und verließ das Büro.


Die Arbeit in der Fabrik war zwar nicht das Gelbe vom Ei, ebenso wenig der karge Lohn von sieben Euro achtunddreißig die Stunde, aber Hacker begriff schnell, und so lange er nüchtern war, war die abgelieferte Arbeit auch in Ordnung.

Es ist paradox, aber oft zu beobachten, dass Menschen, die extrovertiert und schlampig sind, dafür aber mit dem „Ich-tus-nie-wieder-gib-mir-noch-eine-Chance-ich-bin-doch-eine-arme-Sau-Blick“ ausgestattet sind, bei ihren Vorgesetzten einen Stein im Brett haben. So war es auch hier. Hacker kam oft zu spät zur Arbeit und machte auch den einen oder anderen vermeidbaren Fehler. Aber außer einem Grummeln war seinem Vorarbeiter kein Kommentar zu entlocken. Und so spaltete Hackers Verhalten das Lager seiner Kollegen in zwei Hälften. Die eine Hälfte lachte über ihn und seine Unverfrorenheiten, und die andere Hälfte drohte ihm ernsthaft Prügel an, wenn er mal wieder ungefragt ihre Getränkeflaschen leer getrunken hatte, oder zum x-ten Mal eine Zigarette schnorrte. Bald nannten ihn die Arbeitskollegen nur noch „el loco“ – der Verrückte.
Dass er diesen Namen nicht zu Unrecht hatte, bewies er alsbald.

Wie es in der Arbeitswelt üblich ist, bildete man auch unter den Leiharbeiten der Schokoladenfabrik Valery & Blanc Fahrgemeinschaften. Der Sprit ist teuer, der Lohn ist winzig. Hacker lieh sich von einem arbeitslosen Kumpel dessen alten Käfer und wechselte sich beim Fahren zur Arbeit im wöchentlichen Turnus mit einem Kollegen ab. Unterwegs holten sie einen weiteren Kollege ab.
Eines Morgens im November, es war noch stockdunkel, sammelte Hacker brav beide Kollegen ein und fuhr die etwa vierzig Kilometer bis zur Fabrik. Dort auf dem Parkplatz angekommen, stiegen alle drei aus und Hacker fragte, ob noch jemand etwas aus der Bäckerei benötige. Beide Kollegen verneinten und so ging er alleine in Richtung Brotladen, der eine Straße weiter, zirka hundertfünfzig Meter vom Parkplatz entfernt war. Als an diesem Morgen die Sirene um sieben Uhr zum Arbeitsbeginn dröhnte, war von Hacker keine Spur.
Eine halbe Stunde später fragte der Vorarbeiter:
„Wo is’n der Hacker schon wieder?“
„In die Bäckerei. Hatte wohl noch Geld inner Tasche.“
Das war aber schon vor vierzig Minuten. Daraufhin schien sich der Vorarbeiter ernsthafte Sorgen um seinen vermissten Mann zu machen, denn er schickte Leute aus, die sich auf dem Gelände umschauen sollten. Man suchte auf den Toiletten und zwischen den Regalen des großen Lagers. Man schaute in jeden Winkel. Nichts! Hacker war nicht zu finden. Es war besorgniserregend, denn auf dem Parkplatz stand immer noch sein Wagen. Doch Hacker blieb verschwunden. Der Vorarbeiter rief bei der nächsten Polizeistation an und schilderte den Vorfall. Kurz darauf erklärte er zwei Polizeibeamten in seinem Büro, was sich zugetragen hatte. Die Polizisten durchkämmten daraufhin ebenfalls das Lager und das umliegende Gelände. Sie gingen zur Bäckerei und befragten die Verkäuferin. Die konnte sich nicht erinnern, dass an diesem Morgen ein Mann da gewesen wäre, der auf die Beschreibung gepasst hätte. Da nur zwei Minuten Fußweg von dem Laden entfernt der Bahnhof lag, sahen sie sich auch dort um. Aber von Hacker war keine Spur zu entdecken.

Es war am selben Tag nachmittags gegen 14.30 Uhr, als bei einem Kollegen aus der Fahrgemeinschaft das Handy klingelte. Hacker meldete sich, und erklärte dem verblüfften Mann, dass er an diesem Morgen noch soviel Restalkohol intus gehabt hätte, dass er es für besser hielt, nicht zu arbeiten und deshalb mit dem nächsten Zug nach Hause gefahren war. Mit zwei Kollegen im Auto besoffen über die Autobahn zu brettern, war für ihn kein Problem, in diesem Zustand arbeiten zu müssen, konnte er wohl nicht verantworten.

Ein weiteres Phänomen an el locos Erscheinung war, dass seine Sprache und seine Gestik, selbst im nüchternen Zustand, bei seinen Mitmenschen den Eindruck erweckten, als sei er betrunken. So war es für seine Umwelt nicht ganz einfach, seine geistige Frische zu deuten. Einzig seine Zombie-Augen und die aschfahle Gesichtsfarbe hätten dem Beobachter verraten können, dass er zuviel Alkohol oder sonst was im Blut hatte. An jenem Morgen war es zu dunkel, als dass die beiden Mitfahrer hätten misstrauisch werden können.
Es gab Kollegen, die sich nach dieser Sache vor Lachen die Hose nass machten.
Andererseits gab es aber auch welche, die Hacker im Geiste den Hals umdrehten.
Sein Vorarbeiter gehörte zu der ersten Sorte.

El loco hatte zu Geld das gleiche Verhältnis, wie Sie und ich zur Krätze: Er versuchte es so schnell wie möglich loszuwerden. Sobald ihm sein Vater das Taschengeld aushändigte, ließ er es sich drei Tage lang gut gehen. Er liebte es, wenig Brot mit viel Wurst zu essen, danach noch eine Tafel Trauben-Rum-Schokolade und am Feierabend viel Wodka, mit Bier verdünnt. Dazu rauchte er Kette. Den Rest der Woche war er regelmäßig blank.
El loco war nicht dick. Er neigte trotz seiner Fressattacken eher zur Magerkeit.
Aber tief in ihm drin, in seinen Blutbahnen und Gefäßen lauerte ein gefährlicher, unsichtbarer Feind. Hackers Blutdruck siedelte sich ob des unsoliden Lebenswandels, und durch Vererbung unterstützt, dauerhaft in lebensbedrohlichen Höhen an. Hacker kannte das Risiko. Wenn er zu Hause über Kopfschmerzen und Schwindelgefühl klagte, legte ihm sein Vater wortlos das Blutdruckmessgerät auf den Tisch. Hacker senior kannte die Symptome sehr genau, da er auch zu den Hypertonikern gehörte.
El loco legte die Manschette an und versprach, nachdem er das Ergebnis abgelesen hatte, morgen zum Arzt zu gehen. Aber er gehörte zu der Sorte Mensch, die zwar wissen, wo sie Prioritäten setzen sollten, aber dazu meistens den Arsch nicht hoch kriegen. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis der Anfang vom Ende eintreten sollte.
An einem Mittwochmorgen bei Valery & Blanc, kurz vor der Neun-Uhr-Pause, überkam Hacker eine starke Übelkeit. Er konnte nicht mehr richtig sehen und alle Kraft wich aus seinen Beinen. Sein Puls raste, und Schweiß trat auf seine Stirn.
Als er in den Krankenwagen geschoben wurde, hatte er bereits das Bewusstsein verloren. Vierundzwanzig Stunden später kam er wieder zu sich.
Aber Anton „el loco“ Hacker konnte nicht mehr laufen, nicht mehr sprechen und er sabberte schlimmer als Gina Wild beim Blowjob.
Sein Körper war siebenunddreißig Jahre alt und kaputt.


Er blieb beinahe drei Wochen in der Klinik und musste haufenweise Tests über sich ergehen lassen. Ein junger Arzt trat an Hackers Bett und teilte ihm mit, dass man ihn nach allen Regeln der ärztlichen Kunst behandeln werde, dass er sich aber trotzdem auf ein Leben als Behinderter einstellen sollte. Als der Arzt gegangen war, drückte Hacker den Kopf in sein Kissen und flennte eine halbe Stunde lang.
El loco war nur noch ein Häufchen Elend. Beide Beine waren gelähmt. Seine Blase und sein Darm gehorchten ihm nicht mehr. Den rechten Arm konnte er nur mit großer Anstrengung ein Stück anheben. Mit den Händen zupacken ging gar nicht mehr. Die linke Hand konnte leichte Dinge festhalten, wie zum Beispiel ein Taschentuch, wobei sie stark zitterte. Ohne Hilfe etwas zu trinken war ihm nur mit äußerster Konzentration möglich. Mit der professionellen Unterstützung eines Logopäden versuchte er in der Reha zu lernen, ein paar einfache Wörter so deutlich zu artikulieren, damit er wenigstens seinen Wünschen und seinem Befinden verbalen Ausdruck verleihen konnte. Sein rechter Mundwinkel hing etwas herab, weshalb er ständig Speichel abwischen musste. Das rechte Auge war fast vollständig geschlossen, das linke Augenlied hing ein wenig herab.
Damit war sein physischer Zustand beschrieben. Sein Geist aber schwankte hin und her zwischen Suizidgedanken und Trotzhaltung.
Nach der Reha begann Hackers Vater, das Haus rollstuhlgerecht umzubauen.
Da der Senior kein geselliger Mensch war, und die gesamten Umbaumaßnahmen alleine bewerkstelligte, war klar, dass Monate ins Land gingen, bis der letzte Handgriff getan war. Ein großer Teil des mühsam Ersparten ging dabei drauf. Vater Hacker bekam keine schlechte, aber auch keine hervorragende Rente, sodass Mutter Hacker jeden Tag für ein paar Stunden putzen ging. Damit sich jemand um Toni kümmern konnte, während die Eltern beschäftigt waren, schickte die Sozialstation einen Zivi.
Manfred Weiß war Deutschrusse und lebte seit mehr als zehn Jahren in Deutschland. Manni war fünfundzwanzig, liebte Wodka und Bier und war Tonis Zivi.
El loco mochte ihn nicht sonderlich, er hatte schon immer etwas gegen Italiener und Russen. Warum, das konnte er nie erklären, es war so und es war ihm nie wert, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Manni hatte Mitleid mit Toni, wie er mit jedem seiner bisherigen Schützlinge Mitleid hatte. Das lag in seiner Natur. Und wenn Manni mit Toni einen Spaziergang machte, dann schob er ihn etwa zweimal die Woche ins „RuckZuck“, damit er auch mal unter Leute kam.
http://www.lulu.com/spotlight/tetracolor
Ich bin ein Ver-Rückter. Aber ich mag mich. 8)