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  • »Rolf Ronck« ist der Autor dieses Themas

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Donnerstag, 25. Mai 2017, 16:48

El Loco - Das absurde Leben und Sterben des Toni Hacker

El Loco - Das absurde Leben und Sterben des Toni Hacker

1. Teil

Hätte er seine Augen nicht so weit aufgerissen, wäre es denkbar gewesen, er halte in seinem Rollstuhl eine kurze Siesta. Um sich diesem Eindruck hinzugeben, hätte man sich allerdings auch die Kotze wegdenken müssen, die auf seinem Hemd und auf seinem nackten Unterleib klebte.
Aber es ist wohl gescheiter, ich beginne mit dem Anfang der Geschichte und nicht mit ihrem schmutzigen Ende.

Anton Friedrich Hacker schob Anfang der 1970er sein damals schon markantes Kinn ins kalte Licht des Kreißsaales der Klinik einer südwestdeutschen Kleinstadt.
Mag sein, dass er als Baby seinen Eltern die eine oder andere glückliche Minute bescherte, aber als seine Kumpels ihn alle nur noch „Hacker“ riefen, ungefähr mit Beginn seiner Schulzeit, fing der Ärger an.
Gegen Ende von Hackers schulischer Laufbahn standen auf seinem Konto unzählige Kloppereien mit Schulkameraden und diverse Sachbeschädigungen.
Im Einzelnen erwähnte seine Akte zwei zertrümmerte Tische, diverse zerbrochene Fenster- und Türscheiben, etliche unbrauchbar gemachte Stühle, eine zerkratzte Wandtafel, einen durchlöcherten Globus, das absichtiliche Herbeiführen einer Explosion im Chemiesaal, drei zertrümmerte Urinale der Schultoilette und das in Flammen aufgegangene Inventar eines Lehrerzimmers.
Dazu waren bei seinen Mitschülern und Mitschülerinnen Körperverletzungen aller Art zu beklagen: mehrere ausgeschlagene Zähne, drei gebrochene Finger, einige blutunterlaufene Augen, zwei gebrochene Nasenbeine, ein defektes Handgelenk und nicht zu vergessen das durchgetretene Schienbein eines Musiklehrers.
„Der Idiot sagte zu mir, ich sei so musikalisch wie eine Klospülung“, verteidigte sich Hacker damals.
Seine Vorstellungen, wie die Welt zu funktionieren hätte, deckte sich in den seltensten Fällen mit der Auffassung der Menschen in seinem Umfeld. Er mochte keine Diskussionen, und wer das nicht begriff, machte sehr schnell Bekanntschaft mit seiner Faust, oder seinem Fuß. Seine Körpergröße maß nur 170 Zentimeter, aber er war drahtig, muskulös, laut und asozial – aber nicht dumm. Immerhin schaffte er trotz aller Differenzen mit seinen Pädagogen den Realschulabschluss.

Den Verdacht, dass ihr Sohnemann vielleicht doch etwas anders ist als andere, hatte seine Mutter zum ersten Mal, als sie ihn eines Abends im Badezimmer erwischte.
Und danach noch zwei, drei Mal am gleichen Ort, bei der gleichen Tätigkeit. Nämlich dabei, wie er seine Füße im Waschbecken reinigte – und nur die Füße. Hacker war jedes Mal früh morgens stockbesoffen nach Hause gewankt und sofort im Bad verschwunden. Dort entledigte er sich seiner Schuhe, der Hose und der Socken. Dann schwang er einen Fuß hoch ins Waschbecken und wusch ihn. Danach den zweiten. Dieses podologische Reinigungsritual führte er auf diese Art ausschließlich in betrunkenem Zustand aus.
Kam die Frage: Warum? - zuckte er nur stumm mit den Schultern.
Dass er bei dieser Übung mehr als ein Mal mit dem Standbein wegrutschte und hart auf dem Badezimmerboden aufschlug, tat seiner Neigung keinen Abbruch.
Seiner Meinung nach, war man nicht volltrunken, solange man auf dem Boden liegen konnte, ohne sich irgendwo festzuhalten.

Aber der Hacker Toni wurde älter und ruhiger und landete – keiner wusste warum (er am wenigsten) – in einer Elektrikerlehre. Seinem Ausbilder an der Berufsschule war er sogar zu ruhig. Das lag wahrscheinlich daran, dass Hacker einen ausgeprägten Hang zur Selbstüberschätzung hatte. Er schaute sich kaum ein Lehrbuch an, und fiel im Unterricht meist dadurch auf, dass er nicht auffiel.
Hinter seinem Vordermann versteckt vor sich hin dösend, ließ er die Stunden an sich vorüberziehen.

„Hacker, Sie haben ja nicht mal den Schimmer eines Schattens einer Ahnung, Sie Bananenschüttler!“ Dies war der Standardsatz seines Lehrmeisters. Der Ärmste versuchte trotz aller Fehlschläge, Toni Hacker zu einem, wenigstens entfernt, brauchbaren Elektriker zu schulen.

Und Hacker kriegte wieder mal die Kurve und schaffte irgendwie die Gesellenprüfung.
Aber Schlitze kloppen und Strippen ziehen? Das war ihm zu langweilig. Zerstreuung suchte er in Alkohol und Drogen. Dies schadete seiner Zuverlässigkeit und er verlor seine Jobs schneller, als er neue finden konnte. Eines Tages brachte ihn ein Bekannter bei einem Dachdecker unter. Dort machte er Helferdienste, wobei ihm seine Höhentauglichkeit zugute kam. Der herzhafte Umgangston unter den rauen Dachdeckergesellen lag ihm mehr, als die, Zitat: “Schwulen Kupferdrahtklöppler“ im Elektrikerhandwerk.

Doch nach x-maligem Verpennen, mit erheblichem Restalkoholgehalt und anderen toxischen Dingen im Blut, verspätet zur Arbeit kommen, und nach etlichen Fehltagen, verlor er wiederum eine Anstellung nach der anderen. Sein loses Mundwerk war ihm dabei eine große Hilfe.
„Schieb dir deine Blechschere in den Arsch und erfreue dich am Jucken. Du Vollidiot hast mir überhaupt nix zu sagen, und wenn du hundertmal der Chef bist!“

Auf diese Weise benötigte Hacker rund zehn Jahre – mit häufigen arbeitslosen Zeiten dazwischen - um alle Dachdeckerbetriebe im Radius von fünfzig Kilometern um seinen Wohnort herum abzuklappern.
Im Umgang mit Frauen tat er sich ebenfalls schwer – was nun wirklich niemanden verwunderte, der mal ein paar Worte mit ihm gewechselt hatte. Da war zunächst seine optische Erscheinung, die nur wenige Frauen attraktiv fanden. Sein Gang erinnerte den Betrachter stark an den eines großen Primaten. Sein Oberkörper wankte beim Gehen wie der eines Schimpansen. Sein Gesicht dagegen konnte man nicht unbedingt als hässlich bezeichnen. Es war knapp unterhalb des Durchschnitts.
Seine Zähne waren vollständig, auffallend weiß, und seine Nase war gerade. Aber wenn er den Mund aufmachte, war es mit dem Wohlwollen vieler weiblicher Ohrenzeugen dahin. Hacker nuschelte entsetzlich bei einem viel zu hohen Sprechtempo. Seine Stimme war rau und quäkend und klang ein wenig so, als plapperte ein besoffener Papagei rückwärts. Man wurde das Gefühl nicht los, dass entweder die Zähne der Zunge im Wege waren, oder umgekehrt.

Trotz all dieser Benachteiligungen fand er Christine. Sie war ein Jahr jünger als er, und sie sah besser aus, als es für Hacker gut war. Niemand, der die beiden kannte, begriff, was Christine an Toni Hacker dermaßen interessant finden konnte, dass sie freiwillig mit ihm eine Wohnung teilte.
Aber wie heißt es so treffend: Nicht die Schönheit entscheidet, wen wir lieben,
die Liebe entscheidet, wen wir schön finden.

Jedenfalls dauerte die Beziehung ungefähr ein Jahr. Dann traf Christine diesen texanischen Maurer, und weg war sie.
Die Sache mit dem Texaner kam so: Hacker hatte sich angewöhnt, samstags mit ein paar Kumpels saufen zu gehen, wenn noch Geld übrig war. Christine sah sich das nicht lange an und ging an diesen Samstagen ebenfalls aus, und zwar zum Tanzen. Bei dieser Gelegenheit lernte sie Jim kennen. Jim war ein in der Nähe stationierter amerikanischer Soldat, der im Zivilleben dem Beruf des Maurers nachging. Außerdem tanzte er granatenmäßig, und auf dem Rücksitz seines Wagens zündete er bei Christine in einer Nacht mehr Raketen, als Hacker dies im Laufe von sechs Wochen im gemeinsamen Bett gelang. Sie verliebten sich ineinander und als Jim kurze Zeit danach seinen Dienst bei der Army beendet hatte, nahm er Christine einfach mit über den großen Teich.

Christine blieb die einzige große Liebe in Hackers kurzem Leben. Er dachte oft an sie, war aber davon überzeugt, dass er nichts hätte tun können, um sie zurück zu erobern. Diese Narbe auf seiner Seele bedeutete aber nicht, dass er an sich zu zweifeln begann, oder gar auf die Idee gekommen wäre, an sich zu arbeiten. Nein, er erging sich eine lange Zeit in Selbstmitleid und zog sich alles rein, was nicht schnell genug verdunstete, oder vom Winde verweht war. Und so kam es, wie es kommen musste. Er konnte seine Miete und sein Telefon nicht mehr bezahlen. Dazu kamen die Schulden für die zusammen mit Christine angeschafften Möbel und TV- und Musikanlagen.
Aber das, was bei Hacker hervorragend funktionierte, war sein Selbsterhaltungstrieb. Und so nahm er Verbindung zu seiner Mutter auf. Dass er eine hatte fiel ihm bezeichnenderweise immer dann ein, wenn er in der Scheiße saß. Er überredete sie, auf seinen Vater einzuwirken, den Sohnemann wieder zu Hause einziehen zu lassen.
Seine Mutter – und das scheint Müttern in den Genen zu liegen – hielt immer zu ihm und half ihm immer wieder aus der Patsche. Sie war der einzige Mensch in Hackers leben, auf den er sich wirklich hundertprozentig verlassen konnte. Egal wie oft sie auch von ihm enttäuscht wurde.
Sein Vater hatte im Grunde ebenfalls ein weiches Herz, doch vermied er in jener chaotischen Zeit jeden Kontakt mit seinem Filius. Wahrscheinlich auch auf Rücksicht auf seine eigene Gesundheit, denn er litt unter hohem Blutdruck und fürchtete, dass das nähere Befassen mit dem Schicksal seines Sohnes, am Ende zu einem Herzinfarkt oder Schlaganfall führen könnte.
Nach langen Diskussionen in Hackers Elternhaus, ließ sich der Senior weichklopfen und stimmte einem Wiedereinzug Tonis unter der Voraussetzung zu, dass Toni innerhalb eines Monats eine Stelle entweder als Elektriker, oder als Dachdecker vorzuweisen habe. Sollte ihm dies nicht gelingen, so Papa Hacker, solle er sich bei einer der vielen Leiharbeitsfirmen verdingen. Die suchten immer Leute, wenn auch zu miesen Bedingungen.

„Du hast innerhalb von vier Wochen irgend eine Art von Arbeit, oder du bist wieder draußen“, trumpfte Hacker Senior auf. „Deinen Verdienst lässt du auf mein Konto überweisen. Davon gehen die Miete und was für Essen, Trinken und Wäsche ab. Vom Rest regele ich deinen Schuldenabbau. Du kriegst von mir ein Taschengeld. Verstanden?“
Hacker krächzte: “Äh… ja, natürlich, geht klar.“ Toni wusste, wann es taktisch klug war, den Schwanz einzuziehen und bedingungslos zu kapitulieren.
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Ich bin ein Ver-Rückter. Aber ich mag mich. 8)