Sie sind nicht angemeldet.

1

Donnerstag, 16. April 2015, 02:31

In Deutschland versteht man unter Politik nicht das Lösen von Problemen, sondern das Klären von Begriffen

In Deutschland versteht man unter Politik nicht das Lösen von Problemen, sondern das Klären von Begriffen

Ich bin nicht der Meinung, dass der Islam zu Deutschland gehört; Deutschland gehört aber an die Seite der Türkei. Beide drücken sich vor der Verantwortung am Völkermord der Armenier vor gut 100 Jahren.

Es ist kurios, ich bin Atheist und applaudiere einem Papst. Papst Franziskus nennt den Völkermord an den Armeniern einen Völkermord. Damit beweist Rom mehr Rückgrat als Berlin und Ankara.

Am 24. April hatte das Osmanische Reich begonnen, Armenier in ein Lager nach Zentralanatolien zu deportieren. Zugegeben: Historiker streiten noch, ob der Völkermord bereits da geplant war, oder sich erst dazu entwickelt hat. Fakt aber ist, dass bereits auf dem Weg ins Lager armenische Frauen, Kinder und Männer starben. Sie verhungerten, verdursteten, oder starben am Wegrand. Das mag in den Augen der Historiker noch kein echter Völkermord sein, Mord ist es aber mit Sicherheit. Auch wenn ihn keiner so benennen will.

Was mich an dem ganzen Wortgehubere aufregt, ist der Umstand, dass Menschen starben und in der Politik ein Streit um Worte entbrennt. Als ob die Toten interessiert, ob sie nun gezielt oder mehr aus Zufall umgebracht wurden. Wenn mich einer fragt, sage ich, dass die Armenier einem Völkermord zum Opfer fielen. Ich habe auch kein Problem zu sehen, dass Deutsche von den Morden wussten und geschwiegen haben. Die Forderung des Zentralrats der Armenier in Deutschland, Deutschland möge den Völkermord zugeben, halte ich für berechtigt.

Warum geben Berlin und Ankara den Völkermord nicht zu? Bei Ankara verstehe ich die Haltung. Präsident Erdogan vertritt den Standpunkt, Armenier seien im Zuge des 1. Weltkrieges ums Leben gekommen. Soll heißen: Der Völkermord hätte nicht zu sein brauchen, ist aber passiert, da Krieg war, und es sei besser, jetzt darüber zu schweigen. Mit anderen Worten: Schwamm drüber! Zudem steht in den türkischen Geschichtsbüchern auch nichts von einem Völkermord, dann müsste man die alle umschreiben und das ist lästig.

Und Berlin? Bei uns wird viel darüber gestritten, was eine richtige Entscheidung sein könnte. Vor lauter debattieren, verwerfen, andiskutieren und wegdiskutieren, haben unsere Politiker vergessen, dass sie über Menschen reden. Für sie ist der Mord an den Armeniern nur Anlass für Parteipolitik. So hatten zwar Christoph Bergner (CDU) und Dietmar Nietan (SPD) eine gemeinsame Erklärung geschrieben, doch als sie die ihren Parteien vorgelegt haben, sei als Erstes das Wort Völkermord aus dem Text verschwunden. Man darf sich fragen: warum?

Eine mögliche Antwort kann sein, dass die Merkel-Regierung deutsche Firmen in der Türkei vor einem Rauswurf bewahren will. Die Rechnung dafür ist einfach: Präsident Erdogan ist verstimmt, weil der Papst klare Worte fand. Würde nun Kanzlerin Merkel auch klare Worte finden, könnte das für deutsche Firmen in der Türkei bedeuten, dass die ihren Hut nehmen müssten. Erdogan ist zu allem fähig, wenn er aufgebracht ist. So hat er zum Beispiel einen seiner Kritiker während einer Veranstaltung vor laufenden Kameras geohrfeigt. Dazu ist er extra von der Bühne gestiegen und rannte dem Mann nach.

Wirtschaftliche Gründe sind bestimmt mit der feigen Haltung Berlins erklärbar. Ich glaube aber, bei uns haben Politiker generell ein Problem mit der Realität, sei es nun eine geschichtliche oder eine gesellschaftliche. Bei uns reden Politiker von Toleranz gegenüber Asylanten, während alte Leute bei uns Pfandflaschen sammeln und an Essenstafeln anstehen müssen. Bei uns werden friedliche Leute, die für ihre Meinung auf die Straße gehen, als Nazis beschimpft. So versuchen Linksradikale, der Antifa, aus Lutz Bachmann einen zweiten Adolf Hitler zu machen. Und all das nur, weil er eine Bewegung gegründet hat, die islamkritisch ist. (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes.) Und auf der anderen Seite breiten sich bei uns türkische Nazis aus (Graue Wölfe), die sogar Parteien wie die SPD und die CDU unterwandern. Aber das ist kaum ein Thema.

Woran Deutschland leidet, ist die sogenannte „Political Correctness), also der Streit um das richtige Wort. Aus diesem Grund ist ein Lieblingsvorwurf unter Politikern der, dass der andere ein geistiger Brandstifter sei. Was einer tut, spielt kaum eine Rolle, aber wehe, er sagt etwas! Aus diesem Grund passt auch der Streit, ob der Mord an den Armeniern nun Völkermord war oder nicht. Sich mit ihnen beschäftigen will ohnehin kaum ein Politiker; man redet über sie, weil der Mord nun einmal 100 Jahre her ist und weil man irgendwas dazu sagen muss, auch wenn es manche, einen Dreck interessiert. So debattiert man halt um Worte. Und hat man dann endlich eine begriffliche Einigung erzielt, ist das Gedenken auch schon vorbei und man kann sich wieder um vermeintlich Wichtigeres kümmern. Das nächste Gedenken ist ja erst wieder in 100 Jahren!

In Deutschland versteht man unter Politik nicht das Lösen von Problemen, sondern das Klären von Begriffen. Und wenn ein Volk kein Opfer eines Völkermordes wurde, sondern nur eines einfachen Mordes, kann dessen Leid nicht gar so groß sein!

2

Donnerstag, 16. April 2015, 18:33

Gekentert am Begriff.
Gek entert am Beg-Riff.