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Samstag, 11. April 2015, 22:41

Wir sind nicht diskriminiert worden, wir wurden nur wie Tiere behandelt

Wir sind nicht diskriminiert worden, wir wurden nur wie Tiere behandelt

„Wir sind nicht diskriminiert worden, wir wurden nur wie Tiere behandelt.“ Ginge es nach mir, würde das zu einem neuen geflügelten Wort. Gesagt hat es Nicolae Molcosa. Nein, er ist kein Philosoph und kein Politiker, trotzdem ist er ein kluger Mann. Er ist Rumäne und arbeitet als Bauarbeiter.

Was mir an dem Ausspruch von Molcosa gefällt, ist die Art, wie er eine große Weisheit mit einfachen Worten ausspricht. Bei uns in Deutschland redet man viel über Toleranz und Weltoffenheit, ich gebe zu, das zahlt sich aus – wortwörtlich!

Herr Molcosa sagte diesen Satz nämlich nicht irgendwo, er sagte ihn im Gerichtssaal, genauer: Raum 213, des Berliner Arbeitsgerichts, das er zwecks Klage aufsuchte, die er gegen seinen Arbeitgeber in die Wege geleitet hatte. Wie die taz jüngst berichtete, ist Herr Molcosa obdachlos und pleite.

Zuvor hatte er, mit andren rumänischen Kollegen, auf der Baustelle für das Berliner Einkaufszentrum „Mall of Berlin“ gebuckelt. Löhne bekamen sie keine – aber hey – sie wurden gut behandelt!

Das ist doch schön. Die Baufirma war nett zu ihnen, aber gab ihnen kein Wasser. Die Baufirma hat sie nicht misshandelt, aber ihnen keinen Lohn gezahlt. Die Baufirma war nett und freundlich – immerhin.

So ähnlich schildert Herr Molcosa sein Verhältnis zur Baufirma. Und die Krönung: Zum Gerichtstermin ist kein Vertreter seines Arbeitgebers da. Das zeigt doch Moral und Verantwortungsbewusstsein!

Ja, wir brauchen in unserem Land Diskussionen über Toleranz und Weltoffenheit. Eine Gesellschaft, die sich vor diesen Themen verschließt, beweist Ignoranz und Fremdenfeindlichkeit. Insofern kann man der Baufirma keine Vorwürfe machen. Sie ist ein guter Schüler unserer Zeit. Sie hat begriffen, wie Menschen zu behandeln sind: wie anständiger Dreck. Das erinnert mich an einen Witz: Hans sagt zu seinem Chef: „Du Idiot!“ Daraufhin entgegnet sein Chef: „Für Sie noch immer: Herr Idiot!“ Das war mal lustig, heute ist es Realität. Aber nicht allein das, es ist in einem umgekehrten Sinne zur Realität geworden. Das wiederum bringt mich zur Um- und Einkehr.

Nein, wir brauchen keine Diskussionen über Toleranz und Weltoffenheit. Wie man bei Herrn Molcosa sehen kann, dient Toleranz- und Weltoffenheitsgeschwurbel zur Ausnutzung von Arbeitnehmern. Vor allem zur Ausnutzung von ausländischen Arbeitnehmern. Sie spielen ihnen Komödie vor. Komödie ist auch, was in Deutschland unter Toleranz und Weltoffenheit verstanden wird. Not zwingt unsere alten Leute in Essenstafeln, während Asylanten in Hotels untergebracht werden. Auf der Straße wird der Ruf nach einer direkten Demokratie laut, wie sie in der Schweiz praktiziert wird, und Bundespräsident Gauck erklärt das deutsche Volk für zu blöd dafür.

Mir fällt auf, dass in Deutschland viel geredet wird. Es wird erörtert, bejaht, verneint, vorgeschlagen, abgelehnt, erwogen und angedacht – was aber passiert? Die Realität sieht so aus, dass bei uns viele arm sind und wenige reich. Die Realität ist, dass Politiker über unsere Köpfe hinweg entscheiden. Die Realität ist, dass Ausländer gut behandelt werden, solange sie für Arbeit keinen Lohn einfordern. Ja, bei uns wird viel geredet – die Komödie hat bei uns einen wahren Siegeslauf. Überall im Lande sieht man Komödien, aber immer weniger Realität. Und wenn, dann in Form von Herrn Molcosa, der aber nur als Ärgernis wahrgenommen wird. Und Ärger begegnen will keiner.

So verwundert es auch nicht, dass die Baufirma keinen Vertreter geschickt hat. Sie denkt vielleicht: Was will der Molcosa, der soll froh sein, dass er hat für uns arbeiten dürfen. Eigentlich müssten wir von ihm Geld verlangen! Da behandeln wir ihn gut und was tut er? Er verklagt uns vor Gericht. Da sieht man, wie undankbar die Welt ist. Wir sind gut und alle anderen sind schlecht. Aber so ist das immer. Der Gute wird für seine Taten bestraft. Wenn man etwas auf dieser Welt nicht erwarten soll, dann ist das Hingabe und Dankbarkeit. Und somit ist auch klar erwiesen, wer hier Schuld trägt: Es ist Molcosa und seine Kollegen – dieses undankbare Ausländerpack!

Kommen wir zurück zur Realität. Wie ich bereits erwähnte, ist Herr Molcosa ein kluger Mann und er weiß auch, was es bedeutet, dass die Baufirma nicht vor Gericht erscheint, er sagt: „Sie denkt wohl, dass sie über dem Gesetz steht.“

Genau, Herr Molcosa, Sie haben richtig erkannt, dass die Art und Weise, wie bei uns geredet wird, nichts zu tun hat, wie die Leute handeln. Sagen und Tun sind bei uns zwei paar Stiefel.

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Sonntag, 12. April 2015, 22:20

"Undank ist der Welten Lohn".
Gut.

Aiderbichl